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28. Februar 2019

„Wann gehen wir nach Hause?“

Kurzgeschichte von Marlis David

Jeden Tag verloren sie etwas mehr ihre Menschenwürde, auch wenn sie es selber nicht bemerkten.

Jeden Tag verloren sie etwas mehr ihre Menschenwürde, auch wenn sie es selber nicht bemerkten.

Der Anruf kam aus der „Villa Georgien“. Sorgsam studierte ich den Stadtplan, denn ich war erst vor acht Wochen zugezogen. Die Straße war mir namentlich nicht bekannt.
In die Stadt war ich sofort verliebt, sie hatte das Flair einer vergangenen Epoche. Hier hatten sich damals russische Großfürsten das Leben genommen, weil sie im Casino alles verspielt hatten. Der Roman „Der Spieler“ von Dostojewski handelt vom hiesigen Spielcasino. Der Kurpark mit der Konzertmuschel erinnert an eine Zeit, als die Damen mit langen Kleidern und Sonnenschirmen flanierten.
An der Lichtenthaler Allee stehen prachtvolle Hotels, direkt an der Oos, dem kleinen Gebirgsfluss, der sich durch den Kurpark schlängelt. Uralte Linden, Eichen, Tulpenbäume, Kastanien und Platanen stehen in diesem Teil des Parks. Den Hotels sah man den längst vergangenen Reichtum immer noch an. Kaiser, Könige, Fürsten, hier traf sich damals alles, was in der Welt Rang und Namen hatte. Ebenso konnte man damals noch mit einer Kutsche durch die Allee fahren und sich in eine andere Epoche träumen.
Von dieser Stadt war ich sogleich fasziniert, kaum dass ich meinen Fuß auf dieses Fleckchen Erde gesetzt hatte.

Vor zwei Jahren konnte ich mein Diplom als Kosmetikerin und staatlich geprüfte Fußpflegerin stolz in Empfang nehmen. Für einen eigenen Salon fehlte mir damals das Geld. Über die Anzeige in einer Fachzeitschrift erfuhr ich von einer Kollegin, die dringend eine Nachfolgerin suchte, da sie aus Altersgründen aufgeben wollte.
„Hier gibt es etwa zehn Altenheime, die händeringend eine Fachkraft suchen“, sagte sie aufmunternd. „In die Heime ist noch nie jemand gegangen. Die Menschen dort wurden vernachlässigt, aber ich habe es zeitlich einfach nicht geschafft. Sie sind noch jung, sie bekommen das bestimmt hin!“, meinte die Kollegin aus Baden-Baden beschwörend.

Ich fühlte mich frisch, jung und voller Tatendrang und Baden-Baden gefiel mir, also sagte ich freudig zu.

Dieses Mal kam also der erwähnte Anruf aus der „Villa Georgien“, ein dringender Fall, hatte man am Telefon gesagt.
Das Haus befand sich oberhalb des Kurparks, eine ehemals prachtvolle, sehr große Jugendstilvilla.

Die erste Person, die mir vor dem Haus begegnete, war Else, die Köchin. Eine kleine, rundliche Frau mit wasserblauen, gutmütigen Augen. Sie trug eine bekleckerte Schürze, die bis auf den Boden hing. Gerade schleppte sie zwei volle, schwere Eimer mit Essenresten über den gepflasterten Hof.
Auf meine Frage nach der Heimleitung sah sie sich ängstlich nach allen Seiten um, bevor sie sagte: „Jetzt dürfen Sie die aber nicht stören, dann wird die böse!“
Nach dreimaligem Läuten blieb es einige Zeit still, dann regte sich etwas hinter der Tür, die mit bunten Glasscheiben in Jugendstilornamenten, verziert war.
„Ah! Auf Sie habe ich schon gewartet, kommen Sie herein. Mein Name ist Margot Fuller, mir gehört der Laden hier, bitte, nehmen Sie doch Platz!“ Sie deutete auf einen sehr kleinen Stuhl aus schwarzem, geschnitzten Holz, auf dem ich kaum Platz hatte. Sie lachte: „Ja, schauen Sie sich nur um, der ganze Salon ist mit diesen Zwergmöbeln eingerichtet. Es war gar nicht leicht sie zu erwerben, ich habe ein Jahr verhandelt. Aber ich wollte sie unbedingt haben, alles Handarbeit, aus Ebenholz geschnitzt. Sie haben mich ein Vermögen gekostet, reine Liebhaberstücke, mein ganzer Stolz.“
„Veranstalten Sie denn Zwergenpartys? Oder wofür sind die Stühlchen gedacht?“ Sie lachte hell auf, konnte sich gar nicht mehr beruhigen.
Die Räumlichkeiten, wie auch das gesamte Innere des Hauses, wirkten auf mich sehr düster. Das Treppenhaus war mit dunklem Holz getäfelt; der dunkle Holzfußboden, die bunten Glasfenster, die nicht viel Licht hereinließen, es wirkte finster, richtig bedrückend.
„Wir müssen in den dritten Stock, leider gibt es bei uns keinen Fahrstuhl … warten Sie, ich gehe voraus!“
Auf den Fluren in jedem Stockwerk sah ich die gleichen durchgesessenen Sitzmöbel, auf denen alte Frauen und Männer hockt und stumpfsinnig vor sich hin starrten. Keiner zeigte eine Regung, keiner sagte ein Wort. Es wirkte gespenstisch, unwirklich und beängstigend auf mich.

Baden-Baden – die Stadt hat das Flair einer vergangenen Epoche.

Baden-Baden – die Stadt hat das Flair einer vergangenen Epoche.

„So, da wären wir, hier wohnt Herr Professor Ibramow, er ist russischer Herkunft und ehemals ein berühmter Musikprofessor gewesen. Er will sich partout die Fußnägel als auch die Fingernägel nicht von uns schneiden lassen. Versuchen Sie doch mal Ihr Glück!“
Sie öffnete die Tür, schob mich hinein und schloss sie sofort wieder hinter mir. In einer Ecke saß ein kleines Männlein in einem besabberten, ehemals weißen Hemd mit einem viel zu großen Hut auf dem Kopf. Die fettigen Haare hingen bis auf die Schultern und der Speichel tropfte ihm aus dem Mund. Er sah nicht einmal auf, er starrte nur vor sich hin.
Ganz langsam ging ich zu ihm, stellte mich vor. Er nahm mich gar nicht wahr.
Dann sah ich seine Fingernägel; sie waren quittegelb, fünf Zentimeter lang und wie Korkenzieher gedreht. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Mein Blick fiel auf seine nackten Füße. Genau die gleichen gelben, langen Korkenziehernägel, sie passten in keinen Schuh mehr.
Wie konnte man einen hochintelligenten Menschen nur so verkommen lassen, ging es mir durch den Kopf.
Im ersten Moment ekelte es mich, doch dann tat er mir leid und ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, ihn zu überreden, sich mir anzuvertrauen. Das war eine schwierige Aufgabe, die viel Geduld erforderte. Ich sah mich in dem kleinen Zimmer um, das mehr einer Abstellkammer glich. Alles wirkte schmuddelig, das Bettzeug war dreckig, von Urin und Essen befleckt. Es stank erbärmlich, hier war bestimmt lange nicht gelüftet worden. Mit Einfühlungsvermögen und viel Geduld schuf ich eine Vertrauensbasis und konnte an diesem Tag die Fingernägel schneiden. Später folgten mehrere Besuche bei Herrn Ibramow, bei denen ich interessante Geschichten aus seiner russischen Heimat, teilweise sogar Erlebnisse am Zarenhof, und von seiner späteren Arbeit als Musikprofessor erfuhr.
Bezahlt wurde ich von Frau Fuller, die jetzt in einem weiten, wallenden Kleid, das ihre etwas füllige Figur verbarg, an einer Staffelei stand und Ölfarbe auf eine noch weiße Leinwand kleckste. „Mein Steckenpferd, ich möchte es bis zu einer Ausstellung bringen“, sagte sie enthusiastisch. „Würden Sie alle Bewohner in meinem Haus übernehmen? Ich glaube, jeder hat es nötig“, fügte sie beim Verabschieden hinzu.
Dadurch bekam ich einen umfassenden Einblick in das Pflegeheim „Villa Georgien“. Im ganzen Haus gab es vier Einzelzimmer, alle übrigen waren mit drei, vier und fünf Betten belegt. In den Einzelzimmern sah man private Möbel, aber in den anderen Zimmern standen Krankenhausbetten, sie waren kahl und unpersönlich.

Von den achtzig Bewohnern, die das Haus beherbergte, waren nur zehn, die nicht dement waren, mehr als dreißig litten an Inkontinenz und ließen permanent unter sich gehen. Dementsprechend zog der beißende Geruch durchs Haus, empfing Besucher schon beim Eintritt.
Frau Fuller stand mit Else in der großen Küche im Souterrain, rührte in großen Töpfen und kochte für alle Bewohner das Essen. Es brodelte, dampfte und sie brüllte die kleine Else, die mit hochrotem Kopf am Herd stand, unnötig an. Sie brauchte ein Ventil, dafür war die unbedarfte Else genau die Richtige. In schöner Regelmäßigkeit fing Else an zu heulen, so dass das Essen stets mit ihren Tränen gesalzen war.
Das Essen musste mit übergroßen Tabletts aus dem Souterrain bis zum dritten Stock hochgetragen werden. Es gab keinen Fahrstuhl, auch keinen Speisenaufzug.

Zwei Frauen, beide schon über fünfzig, mussten achtzig Bewohner versorgen, das Essen schleppen, jeden Tag Betten beziehen, die alten Menschen waschen, füttern und die Zimmer reinigen. Es war eine Zumutung und nur eine Frage der Zeit, wie lange das noch halbwegs gut gehen konnte. Einmal in der Woche erschien ein Arzt, Dr. Brenner, der selbst den Eindruck erweckte, als würde er auf dem letzten Loch pfeifen. Er keuchte die Treppen hinauf. Oben angekommen, warf er sich auf dem Flur in einen Sessel und verschnaufte eine Viertelstunde. Hauptsächlich verschrieb er Medikamente, sonst kümmerte ihn gar nichts. Er sah nichts, beanstandete nichts und ließ es zu, dass die beiden Hilfskräfte auch Spritzen gaben.

Es gab ein weiteres Heim, in dem noch schlimmere Zustände herrschten. Es lag draußen vor der Stadt. Hier lebten die Ärmsten der Armen. Man hatte sie weit außerhalb der Sichtweite der am Leben orientierten Bevölkerung angesiedelt. Dort war alles katastrophal und erbärmlich. Die Leute vegetierten in ihrem eigenen Dreck, in einem großen Schlafsaal.
Das Essen war sehr schlecht und rationiert, das Personal kaum sichtbar. Die alten Leute liefen in verdreckter Kleidung, und in Hausschuhen orientierungslos auf der Straße herum.
Es war für mich jedes Mal eine große Überwindung dort zu arbeiten, da mir die Menschen unendlich leid taten.
Auf der einen Seite dieser Reichtum der oberen Zehntausend, den man in Baden-Baden sehen konnte, und dann dieses Elend. Die Diskrepanz erschreckte mich in der Tiefe meiner Seele.
Wenn ich ins beste Hotel Baden-Badens gerufen wurde, um einer Dame des Geldadels eine Ganzkörperkosmetik zu verabreichen, stand das in so krassem Gegensatz, dass es mich zutiefst erschütterte.

Eines Tages fragte mich Frau Fuller, ob ich ihr helfen könnte.
Sie war völlig aufgelöst, sie jammerte und schluchzte, dass sie keine Arbeitskräfte bekommen könne. Für die beiden alten Frauen wäre es nun nicht mehr zu schaffen, meinte sie völlig ratlos. Eine Anzeige hatte bisher keinen Erfolg. „Könnten Sie nicht bei mir aushelfen? Nur so lange, bis ich jemanden gefunden habe, wenn es auch nur halbe Tage in der Woche sind. Sie kennen doch alle Patienten und das ganze Haus!“

Eine Woche später hatte ich zwanzig demenzkranke Patienten zu versorgen. Zusätzlich die zehn „normalen“, unter ihnen zwei sehr alte, gehbehinderte Damen, die sich aber noch selbst waschen und anziehen konnten, den Musikprofessor sowie einen sehr alten, teilweise gelähmten Herrn, ebenfalls ehemaliger Professor eines Gymnasiums. Der alte Herr saß den ganzen Tag im Rollstuhl, entweder beschäftigte er sich mit seinen Büchern, oder er spielte mit seinem Neffen Schach.
Die Mutter eines bekannten Schauspielers lag in einem Vierbettzimmer. Alle drei Wochen kam der Sohn für eine Viertelstunde zu Besuch. Er bewohnte eine sehr schöne, große Villa in Baden-Baden, aber seine Mutter siechte hier unwürdig ihrem Ende entgegen. Sie war geistig völlig klar, aber sie konnte den Urin nicht halten und war somit natürlich untragbar in seinem feinen Haus.
Die meisten Bewohner litten an Demenz, sie liefen hinter mir her wie kleine Kinder oder dachten ich sei ihre Tochter. Kamen dann die wirklichen Töchter zu Besuch, was sehr selten der Fall war, erkannten sie ihre Kinder und Verwandten nicht mehr. Jeden Tag verloren sie etwas mehr ihre Menschenwürde, auch wenn sie es selber nicht bemerkten.
Die Krankheit äußerte sich sehr unterschiedlich. Frau Nielsen rannte den ganzen Tag den langen Flur auf und ab und rief unentwegt: „Mein Mann ist in Arras gefallen, mein Mann ist in Arras gefallen.“ Lediglich während des Essens schwieg sie. Andere hatten ebenfalls eine stete Unrast, waren aber ganz sanft, ausgesprochen still und bescheiden.
Die Frage „Wann gehen wir nach Hause?“ musste ich den ganzen Tag beantworten.

Ein verwirrter, älterer Herr saß im Flur auf dem Sofa, rauchte genüsslich seine Zigarre. Er sah durch mich hindurch, aber ich war für ihn seine Tochter, wenn ich vorbei kam. „Herta, schick‘ doch die vielen Leute nach Hause und komm her, wir wollten doch zusammen Fernsehen“, sagte er zufrieden lächelnd zu mir. Man musste, ob man wollte oder nicht, auf jede Frage eingehen und dieses traurige Spiel mitspielen.
Seine Tochter Herta, die recht häufig zu Besuch kam, war zutiefst deprimiert, sie hatte Tränen in den Augen, wenn sie sich von ihrem Vater verabschiedete und feststellen musste, dass er sie nicht mehr erkannte.

Inzwischen hatte ich so einiges gelernt, Betten neu zu beziehen, auch wenn ein Mensch darin liegt, und Geduld, unendliche Geduld. Aber das unbefriedigende Gefühl, den Menschen nicht gerecht zu werden, verfolgte mich Tag und Nacht. Es gab so vieles, was nicht gemacht werden konnte, da einfach die Zeit fehlte. Ich fühlte mich permanent überfordert.

Es fehlte einfach die Zeit für Zuwendungen, Streicheleinheiten oder aufmunternde Worte. Vieles musste im Laufschritt erledigt werden, und alles belastete mich sehr. Die Angst, es könnte jemand krank werden, schnürte mir oft die Kehle zu, denn dann würde die gesamte Einteilung zusammenbrechen und die Menschen hätten darunter zu leiden.
Es blieb natürlich nicht aus, dass jemand erkrankte. Frau Wichern, eine demente alte Dame, die nie das Bett verließ, bekam hohes Fieber, als ich noch neu auf meiner Etage war.
Der Arzt wurde gerufen. Bevor er kam, wollte ich Frau Wichern waschen, wich aber entsetzt zurück, als ich eine krustige, dicke, graue Schicht unter ihrer Brust bemerkte. Es war „nur“ Dreck. Die arme Frau war sehr lange nicht gewaschen worden, aber wie denn auch, es war ja niemand da, der helfen konnte, die schwere Frau aus dem Bett in die Wanne zu heben.
Sofort beschwerte ich mich bei Frau Fuller. Daraufhin verließ sie tatsächlich einmal ihre Staffelei und sah sich ihre Heimbewohnerin an. Sofort bestellte sie einen Pfleger, der mit mir gemeinsam Frau Wichern in die Wanne setzte und gründlich reinigte.

Eines Morgens kurz vor sieben Uhr eilte ich schnellen Schrittes auf das Tor der „Villa Georgien“ zu und wunderte mich, dass alles hell erleuchtet war. Auf dem Hof standen ein Krankenwagen, zwei Polizeiautos sowie ein Leichenwagen.
Das bedeutete nichts Gutes, schnell eilte ich ins Haus.
Ein Heimbewohner, ein älterer Mann, der sich sehr häufig verbal mit Frau Fuller auseinander gesetzt hatte, war aus dem Fenster im dritten Stock gesprungen. Er litt unter schweren Depressionen und konnte dieses Leben wohl nicht mehr ertragen. Diese Trostlosigkeit ohne Aussicht auf eine Zukunft war für ihn nicht mehr lebenswert.
Für Frau Fuller war dieses Ereignis nichts Bewegendes, sie ging sofort zur Tagesordnung über, als wäre nichts geschehen. Mich berührte dieses Schicksal zutiefst, es gelang mir in den nächsten Tagen nicht, mich voll auf meine Arbeit zu konzentrieren.
„Ich wäre froh, wenn ich tot wäre. Wenn ich doch nur sterben könnte!“ Diesen Spruch musste ich mir täglich anhören. Den Menschen wieder Mut zum Leben zu geben, war ein schweres Stück Arbeit und meist aussichtslos.
Frau Fuller kümmerte sich nur ums Kochen und um ihre Malerei. Für die alten Menschen hatte sie kein gutes Wort. Sie kümmerte sich einfach nicht um ihre seelischen Bedürfnisse.

Frau Ehlers, eine schwer an Demenz erkrankte alte Dame, saß immer im Mantel und mit Hut auf dem Kopf in ihrem Zimmer. Sie packte den ganzen Tag ihren Koffer, wobei die Sachen an der Seite heraushingen. Sie erkannte sich nicht mehr im Spiegel, sie dachte, sie hätte Besuch und sprach mit ihrem Spiegelbild: „Sieh nur den kleinen Italiener dort, der gefällt mir aber gut!“ Sie meinte mich.
Dann passierte das Schreckliche, das ich immer befürchtete: Sie entwischte unbemerkt durch das offen stehende Tor.
Im Nachthemd, Pantoffeln an den Füßen, den Mantel an und den Hut auf dem Kopf.
Wir schwärmten aus, um sie in Baden-Baden zu suchen.
Es war nicht das erste Mal, dass unsere Bewohner davonliefen, denn Besucher ließen allzu oft das Tor offen stehen.
Wir fanden die völlig verwirrte Frau Ehlers schließlich auf einer Bank im Kurpark. Zwei Tage später war ihr Zimmer leer, Frau Fuller hatte sie in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Dort wurde die alte Frau sicher mit starken Medikamenten ruhig gestellt.

Es war Frühling geworden, draußen roch es nach frisch gemähtem Gras, Bäume und Rhododendren blühten in den schönsten Farben, herrlicher Duft lag in der Luft. Leise trug der Wind die Musik aus dem Kurpark zur „Villa Georgien“. Der Lebenswille kehrte bei einigen Heimbewohnern zurück.
Frau Langner, eine 91 Jahre alte Dame, die an zwei Krücken ging, öffnete weit ihre Terrassentür, holte tief Luft und strahlte über das ganze Gesicht. „Bringen Sie mir eine Flasche Franzbranntwein aus der Apotheke mit?“,­ fragte sie mich. Sie öffnete ihre Bluse und löste einen Geldschein aus einem Bündel, das sie mit einer großen Sicherheitsnadel an ihrem Büstenhalter befestigt hatte, und gab ihn mir. „Das muss ich machen, sonst wird mir hier alles geklaut“, meinte sie flüsternd.
Ganz Unrecht hatte sie nicht. Andere Heimbewohner hatten ihr Geld unter der Matratze. Hin und wieder bekamen sie Besuch von ihren Verwandten und oftmals war ihr Geld danach weg. Weinend kamen sie zu mir, aufgelöst und verzweifelt.

An einem schönen Frühlingsmorgen kam Frau Fuller freudestrahlend zu mir. „Endlich! Jetzt haben sich zwei Frauen auf meine Anzeige gemeldet. Beide kommen aus einem kleinen Dorf aus der Umgebung, sind noch jung und kräftig, können ordentlich anpacken. Übermorgen fangen sie an, dann haben wir endlich Unterstützung.“ Hoffentlich bleiben die auch, dachte ich bei mir.

Aber ich war heil­froh, endlich tatkräftige Hilfe von Eva und Liliane zu bekommen. Die beiden waren sehr schnell mit allem vertraut. Noch völlig unverbraucht packten sie überall mit an. Jetzt ging doch alles schneller und flotter voran und man konnte sich mehr um jeden einzelnen Patienten kümmern.

Da war Frau Erler, eine Alkoholikerin, die abgemagert zum Skelett, seinerzeit an Händen und Füßen gefesselt, aus dem Krankenhaus zu uns gebracht wurde. Inzwischen machte sie schon recht gute Fortschritte. Sie nahm zu, nachdem sie den Entzug einigermaßen überstanden hatte. Man durfte sie nur nicht aus den Augen lassen, damit sie nicht rückfällig wurde. Zweimal habe ich Alkohol bei ihr gefunden, aber nie erfahren, von wem sie ihn hatte.
Jetzt konnte man sich auch für die Sterbebegleitung Zeit nehmen und am Bett wachen, wenn der Tod ins Zimmer trat.

Es gab Momente, die man lieber nicht erlebt hätte. Bei einer alten Dame, die ich ins Herz geschlossen hatte, wusste ich, dass die letzte Stunde gekommen war. Die Angehörigen wurden verständigt, standen jetzt alle ums Bett und starrten auf die Sterbende. Sie hielt krampfhaft meine Hand, ließ sie nicht los, ihre Augen waren halb geschlossen, sie atmete schwer.
Da hörte ich, wie ein Streit über den Körper der sterbenden Frau hinweg entbrannte. „Das Haus wird auf jeden Fall verkauft, da könnt ihr euch auf den Kopf stellen. Wir brauchen jedenfalls das Geld!“ In schrillem Ton wurde erwidert: „Das wollen wir doch mal sehen, wir behalten das Haus, wir ziehen da ein!“ Die andere Seite zischte: „Dann sprechen wir uns eben beim Anwalt wieder, ihr Erbschleicher!“
Die alte Dame tat einen ganz tiefen Seufzer, ihre Hand wurde schlaff, sie war tot. Aber diesen entwürdigenden Streit hatte sie noch miterleben müssen. Von Seiten der Verwandten kam kein einziges Wort des Bedauerns.

Der alte Herr Professor im Rollstuhl lag tagelang im Sterben, er wollte nicht gehen, er wartete auf seinen Sohn. Der war im Urlaub mit seiner jungen Geliebten. Ich hatte alles Mögliche versucht, um ihn zu erreichen, aber vergebens, er war nicht auffindbar.
Dann konnte der alte Herr nicht mehr, ich hielt seine Hand und schloss auch ihm die Augen.
Der Sohn kam einen Tag zu spät. Da war die Aufregung groß, er wollte genau wissen, wie sein Vater gestorben war und was er zuletzt gesagt habe.
Es hatte den Sohn sehr getroffen, war aber nun nicht mehr rückgängig zu machen.

Frau Fuller war jetzt nur noch mit ihrer Malerei beschäftigt. Sie bereitete eine Ausstellung in Freudenstadt vor. Ihre Heimbewohner kümmerten sie immer weniger. So konnten die beiden Frauen Eva und Liliane schalten und walten, wie sie wollten.
In kürzester Zeit wurde ihr Ton den Heimbewohnern gegenüber sehr viel harscher.
Mit Sorge beobachtete ich diese Veränderung, teilte es auch Frau Fuller mit. Die winkte ab und meinte, man müsse eben manchmal hart durchgreifen. „Sie sind bestimmt zu gut für diese Welt“, sagte sie lächelnd.

Aus einem Vierbettzimmer hörte ich laute Stimmen, leise öffnete ich die Tür und sah, wie Liliane der kleinen Frau Pfeiffer mit der flachen Hand auf den Kopf schlug. „Sie können sich zusammenreißen, müssen nicht jedes Mal ins Bett pinkeln, wehe, wenn ich das noch einmal sehe!“
Vor Entsetzen schrie ich Liliane an: „Sind Sie noch zu retten? Sie können der alten Frau doch nicht auf den Kopf schlagen. Wo soll denn das hinführen?“
Sie starrte mich an: „Ach, ist doch wahr, man bekommt ja langsam einen Hass, die können sich doch mal zusammenreißen!“

Da wusste ich, dass für mich der Zeitpunkt gekommen war auszusteigen. Jetzt wurde es unmenschlich, damit wollte ich nichts mehr zu tun haben.
Frau Fuller konnte meine Argumentation nicht verstehen, sie meinte, es wäre doch normal, dass man langsam abstumpfe.

Niemals wieder habe ich so viel über das Leben gelernt wie damals. Es war für mich die beste Schule des Lebens. Alles, was es im Leben an abscheulichen, menschenunwürdigen Dingen gibt, habe ich dort erlebt. Und doch sage ich heute: Es war gut so, für mein späteres Leben. Mich konnte dadurch fast nichts mehr erschüttern, nichts Menschliches war mir danach noch fremd.
Aber die Würde eines Menschen ist für mich bis heute unantastbar geblieben!

Marlis David

Diese Geschichte hat sich im Jahre 1965 zugetragen.

Meine Hoffnung: Dass es sowas heute nicht mehr gibt. Bessere Bedingungen, mehr Menschenwürde, eine viel bessere Bezahlung, mehr geschultes Personal.