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11. Dezember 2018

Lokale Peinlichkeit

von Gabriela Lürssen

Es war nicht mehr lange bis Weihnachten. Florian hatte die Idee, dass er dieses Jahr die Familie zu Weihnachten einladen und bekochen wollte. Mein Mann konnte Wasser kochen, Toastbrot in den Toaster legen und war perfekt im Umgang mit der Kaffeemaschine. Das waren jetzt nicht ganz die optimalen Voraussetzungen, die man bräuchte, um zehn Personen zu bekochen. Seitdem er in letzter Zeit häufig mit mir freitags zum Einkaufen gefahren war, wollte er wohl jetzt mal die Produkte verarbeiten. Ich musste ihn stoppen. Das konnte nicht gut gehen. Ich könnte ihm natürlich in der Küche helfen, aber das war nicht sein Ding. Wenn er in der Küche war, dann mochte er keine weitere Person in seiner Nähe. Auch mich nicht.
„Du, Inga, ich habe mir überlegt, dass ich vielleicht von dem leckeren …“, sagte Florian zehn Tage vor Weihnachten zu mir.
„Du, darüber wollte ich auch mit dir sprechen“, bemerkte ich.
„Wir haben immer die ähnlichen Gedanken, Inga, du bist eben meine Traumfrau“, kam es von Florian und er lächelte dabei.
„Ich glaube nicht, dass du dasselbe meinst wie ich. Ich habe mir auch was überlegt.“
„Du machst mich neugierig, Liebling.“
„Versprich mir, dass du erst mal zuhörst, bevor du gleich wieder meckerst.“
„Versprochen.“
„Also, das ist so, ich finde wir sollten an Weihnachten nicht kochen, sondern essen gehen. Und ich habe schon mal ein wenig telefoniert. Es hat eine Gruppe am 25. Dezember in dem neuen Restaurant, dahinten an der Ecke, abgesagt. Na ja, und ich habe uns gleich mal vormerken lassen.“
„Aber Inga, ich hätte gern mal für alle gekocht.“
„Das glaube ich dir. Das kannst du ja auch. Aber vielleicht solltest du deine Karriere als Koch nicht unbedingt zu Weihnachten starten.“
„Ich muss darüber nachdenken.“
„Mach‘ das, aber nicht mehr so lange. Ich muss spätestens übermorgen im Restaurant anrufen.“
Am nächsten Tag kam Florian zu mir und sagte, dass ich im Restaurant anrufen und den Termin bestätigen sollte. Er wolle in der nächsten Zeit erst mal versuchen kleine Gerichte zu kochen und bat mich ihm zu helfen. Das war die größte Überraschung.
Am 25. Dezember kamen unsere Gäste zu uns nach Hause. Wir wollten zusammen zum Restaurant gehen. Es waren ja nur ein paar Meter und das Wetter war wie fast immer zu Weihnachten ganz angenehm.
Im Restaurant angekommen, bewunderten wir die sehr schön gedeckten Tische.
„Den Tisch haben Sie ja wunderbar dekoriert“, sagte ich zu der Bedienung, als sie uns an unseren Tisch begleitete.
„Oh, vielen Dank. Es freut mich, wenn er Ihnen gefällt“, sagte die mittelalte Bedienung und lächelte dabei ein wenig verlegen, „ich bringe Ihnen gleich die Speisekarte.“
„Sucht euch aus, was ihr möchtet. Und denkt dran: Vorspeise, Hauptgang und Nachtisch“, sagte ich in die Runde.
„Aber das tut doch nicht nötig“, sagte meine Mutter, „spart doch lieber euer Geld.“
„Mama, wir haben Weihnachten und möchten mit euch mal richtig schön zusammen essen. Also sucht euch was Leckeres aus und keine Widerrede!“
Unsere Gäste waren bestimmt zehn Minuten in die Speisekarte versunken. Die Bedienung merkte, dass wie uns entschieden hatten. Sie kam zu uns und nahm unsere Wünsche auf.
Natürlich hatte ich mir zuhause bereits die Speisekarte im Internet angesehen. Ich musste ja grob prüfen, ob die Gerichte zu unseren Gästen passten. Ich kannte ihre verschiedenen Geschmäcker sehr gut. Unsere Gäste bestellten ganz unterschiedliche Speisen und Getränke.
Florian saß neben mir. Ich bemerkte, dass er in den letzten 13 Minuten auf seinem Stuhl hin und herrutschte wie ein kleines Kind.
„Soll ich dir nächste Woche mal eine Salbe aus der Apotheke für deinen Hintern besorgen?“, fragte ich Florian.
„Was für eine Salbe?“, fragte er zurück.
„Na, die machen doch immer im Fernsehen Werbung für … na, wenn’s da hinten juckt.“ Ich hatte das wohl etwas zu laut gesagt, wie sonst war es zu erklären, dass uns die anderen Gäste im Restaurant grinsend anschauten.
„Inga, bei mir juckt überhaupt nichts. Ich finde nur, dass man hier ziemlich lange auf die Vorspeise warten muss. Was kann dabei denn so lange dauern?“
Kaum hatte er diese Frage ausgesprochen, kamen zwei junge Kellnerinnen mit den Vorspeisen, servierten und wünschten uns einen guten Appetit.
„Das sieht wirklich alles sehr lecker aus“, stellte ich fest.
„Fräulein“, rief Florian.
„Florian! Du kannst die junge Frau doch nicht mit Fräulein ansprechen. Die Zeiten sind doch nun wirklich vorbei. Was ist denn? Fehlt dir noch was?“, ermahnte ich meinen Mann. Ich wusste zwar, dass er nur zum Spaß „Fräulein“ gesagte hatte, aber nicht jede Frau verstand seinen Humor.
„Mir fehlt nichts. Ich habe sogar zu viel bekommen.“
„Was heißt das?“
„Was soll ich mit den Krabben auf diesem Holzspieß?“
„Essen, Florian. Einfach essen.“
„Soll ich mir den Piker in den Mund stecken oder was?“
„Florian, du nimmst die Gabel und schiebst damit die Riesengarnelen vom Piker in die Suppe.“
„Haben die das etwa vergessen in der Küche?“
„Nein, Florian so serviert man heute eine solche Suppe.“
„Was für ein Blödsinn. Wieso muss ich die Teile mit der Gabel vom Piker lösen und für diese Arbeit auch noch bezahlen?“
„Mach‘ einfach, Liebling.“
Das hätte ich nicht sagen sollen. Florian war feinmotorisch eher nicht so begabt, was dazu führte, dass die Garnelen nicht nur in der Suppe landeten, sondern auch auf der weißen Tischdecke und auf seinem Hemd.
„Siehste. Das hast du jetzt davon. Die Viecher sind jetzt überall. Und mein Hemd ist auch ruiniert.“
„Du muss sowas mit etwas mehr Feingefühl machen.“
„Feingefühl!. Ich habe Hunger. Und wenn ich eine Krabben- oder meinetwegen auch Riesengarnelensuppe bestelle, dann will ich einen Teller Suppe. Und die Teile sollen darin schwimmen. Ich will keinen Experimentierkasten von irgendwelchen jungdynamischen Köchen erhalten.“
„Soll ich dir eine neue Suppe bestellen, Florian?“
„Bloß nicht, sonst machen die noch mehr Umsatz mit diesem Baukasten.“
Florian schlürfte seine restliche Suppe, dabei rutschen ihm die Riesengarnelen ein paar Mal vom Löffel.
„Florian, nimm‘ doch die Gabel und spieße die Garnelen auf.“
„Ich soll mit einer Gabel die Suppe essen?“
„Nur die Garnelen.“
„Zu Hause schneidest du das Fleisch und Gemüse doch auch in mundgerechte Stücke, wenn wir Suppe essen.“
„Ja, dass macht dein old-fashioned Fräulein immer.“
„Inga, schau mal. Was ist das?“
„Was hast du jetzt wieder entdeckt, Florian?“
„Da ist ‘was Schwarzes. Hier schau mal. Wo kommt das denn her?“
„Das ist der Darm der Garnele, Florian. Der wird eigentlich vor der Zubereitung entfernt.“
„Der D A R M? Das ist ja ekelig. In dem schwarzen Ding ist alles drin, was bei uns … igitt!“
„Deshalb wird er ja vorher entfernt.“
Ab diesem Moment verweigerte Florian die Suppe zu Ende zu essen. So ein wenig verstehen konnte ich das auch.
Unsere Gäste und auch ich hatten keinerlei Probleme mit unseren Vorspeisen. Kurz nach dem Abräumen der Vorspeisenteller kam der Hauptgang.
„Was ist denn das?“, fragte Florian entsetzt.
„Das ist der Hauptgang“, antwortete ich und tat dabei so, als erkannte ich gar nicht, was Florian an diesem Teller so entsetzte,
„Das weiß ich selber. Was soll denn dieses ganze Papierzeug auf meinem Teller. Mein Teller ist doch kein Mülleimer.“
„Wenn, dann wäre es der Papiercontainer“, antwortete ich und schaute meinen Florian dabei aber nicht an. Ein Lachen vermied ich in dieser Situation. Es hätte nur zur Eskalation geführt. Unsere Gäste schauten uns an.
„Junge Frau“, rief Florian und hob dabei den Arm.
Jetzt musste ich einschreiten.
„Florian, das ist kein Altpapier. Das ist dein Fisch.“
„Mein Fisch“, schrie Florian in einem Ton, der die anderen Gäste im Restaurant und auch unsere Gäste hochschrecken ließ.
„Ja, dein Fisch. Der wurde in dem Papier gegart, damit er besonders saftig bleibt und die Aromen der Kräuter in den Fisch ziehen.“
„Wer hat sich denn diesen Blödsinn ausgedacht? Die können einem doch kein Papier auf den Teller packen. Und die rot-weißen Bänder, die soll ich jetzt wohl noch auseinanderfummeln, oder?“
„Nein, du reißt das Papier einfach auf. Den Fisch isst du dann einfach im Papier.“
„Wir bezahlen hier so viel Geld für das Essen und dann soll ich den Fisch aus der Papiertüte essen. Das bekomm‘ ich doch an jedem drittklassigen Imbiss.“
„Wir können auch alles selbst bezahlen“, sagte meine Mutter besorgt.
„Nein, Mama. Florian meint das nicht so“, antwortete ich.
„Florian, probier‘ den Fisch doch erst mal. Vielleicht schmeckt er dir ja.“
„Früher hat meine Mutter beim Fischhändler auch Fisch gekauft. Den hat der Verkäufer immer in Zeitungspapier eingepackt, damit der nicht so stinkt. Und jetzt, wo wir genügend Geld haben und vernünftig essen gehen können, da holen mich die alten Zeiten wieder ein.“
„P r o b i e r e n!“
Meine Eltern, mein Onkel und meine Tante sowie Florians Familie schauten uns an, als ob wir Darsteller eines Comedy-Films wären. Florian riss das Papier auf. Ein wenig genervt, aber ohne größere Schäden für seinen Leib, unsere Gäste, mich und die Tischdecke.
„Schmeckt gut“, sagte er muffelnd.
„Sag‘ ich doch, du alter Meckerkopf.“
Die junge Bedienung kam, räumte den Hauptgang ab und brachte uns die Desserts.
„Oh, was sieht der lecker aus“, kam es spontan von mir, als die Auszubildende die Eisbecher unseren Gästen und mir servierte. Ich bemerkte, wie sie sich über diese Aussage freute.
Sie ging um den Tisch herum und stellte das Glas mit dem Nachtisch vor Florian ab. Florian war der einzige, der kein Eis mochte.
„Lassen Sie sich die Desserts schmecken“, sagte sie und hatte dabei so einen liebenswürdigen Gesichtsausdruck.
„Vielen Dank“, antwortete ich, „ das wird uns bestimmt ohne Probleme gelingen.“
Das Eis war so was von cremig und vollmundig. Ich schaute Florian an. Gerade in diesem Moment hatte er wieder diesen Dackelblick aufgesetzt, der bedeutete, dass er Hilfe bräuchte.
„Florian, schmeckt dir deine Nachspeise nicht? Oder warum guckst du so merkwürdig?“
„Inga, wieso servieren die meinen Nachtisch in einem Orangensaftglas? Nachtisch bekommt man doch in Dessertschalen“, bemerkte Florian.
„Florian, das hat man früher vielleicht so gemacht, aber heute serviert man das auf diese Art.“
„Da schmiere ich mir doch die ganzen Finger voll Pudding bei diesem kleinen Löffel“, fand Florian.
„Liebling, schau doch mal, was dir die freundliche Bedienung hingelegt hat. Das ist ein Löffel mit einem langen Stiel“, erklärte ich meinem Mann.
„Ach, der ist für mich? Aber was soll dieses Blatt da oben auf dem Pudding?“, fragte Florian in die Runde.
„Das nennt sich Deko. Und diese Deko ist ein Pfefferminzblatt. Das kannst du bedenkenlos mitessen.“
„Ich soll in diesem relativ teuren Laden Pfefferminzblätter essen? Inga, wo kommen wir denn da hin? Ich habe doch keine Erkältung, nur weil ich vorhin einmal husten musste.“
Jetzt schauten sie wieder alle, die anderen Gäste uwnd auch das Personal. Einige Besucher mussten lachen. Andere schauten weg. Sie taten zumindest so.
„Leg‘ es einfach auf die Serviette, Florian“, schlug ich vor.
Die Bedienung kam an den Tisch und fragte, wie uns der Nachtisch schmecke. Unsere Gäste bedankten sich für das sehr leckere Eis und fragten, ob es im Haus selbst hergestellt würde. Die sehr angenehme Bedienung erklärte, dass sie alle Eissorten selbst produzierten, auch im Winter. Sie war so in ihrem Element, dass sie auch erwähnte, dass der Pâtissier dieses Jahr sogar Pfefferminzeis hergestellt hatte.
„Pfefferminzeis? Also das geht doch nun wirklich zu weit. Wer braucht denn so was?“, fragte Florian die Bedienung, die sichtlich erschrocken über seine Lautstärke war.
„Unsere Gäste wünschen immer mal eine neue Geschmacksrichtung. Wir haben aber natürlich auch die Klassiker wie Vanille, Erdbeere und Schokolade im Angebot.“
„Naja, ich mag ja sowieso kein Eis.“
Kurze Zeit später kam eine ältere Angestellte mit einer kleinen Schatulle. Ich öffnete diese, musste kurz grinsen und beglich die Rechnung.
Wir standen auf und verließen das Restaurant. Auf der Straße drückte ich meinem Florian einen Bonbon in die Hand.
„Was ist das denn, Liebling?“, fragte er überrascht.
„Das war in der Rechnungsschatulle. Du magst doch Pfefferminzbonbons, oder?“
Unsere Gäste gingen auf dem Rückweg zu unserer Wohnung angeregt diskutierend vor uns.
Mich plagte aber unentwegt nur ein Gedanke: Hatte Florian nicht bemerkt, dass er genau für dieses Restaurant gestern einen Gutschein über einen Kochkurs von mir geschenkt bekommen hatte? Das war wirklich kein gutes Geschenk für ihn und mir war der Gedanke, Florian noch einmal ohne Aufsicht in dieses Restaurant zu lassen, ausgesprochen peinlich.
„Du“, sagte Florian unvermittelt und riss mich aus meinen grübelnden Gedanken, „wollen wir heute nicht die Bescherung wiederholen?“
„Aber Florian“, entgegnete ich, „ ich habe doch gar kein Geschenk für dich.“
Florian grinste mich an: „Du schenkst mir einfach den Gutschein für die Bonbonmanufaktur, den ich dir gestern geschenkt habe. Ich kann dir dann zu Hause genau erklären, wie man Bonbons herstellt. Und du bekommst von mit den Kochkurs-Gutschein für diesen Etepetete-Laden.“
„Und weiß du, wie wir das nennen?“, fragte ich Florian, der mich so liebevoll und fragend ansah, „wir nennen das den Kreislauf des Pfefferminzbonbons.“
„Du bist wunderbar“, sagte Florian und gab mir einen dicken Kuss.

Gabriela Lürßen

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Gabriela Lürßen

 

Gabriela Lürßenist als Beraterin, Do­­zen­tin sowie Autorin tätig. Sie lebt seit vielen Jahren im Alstertal. In den letzten Jahren veröffentlichte Gabriela Lürßen zwei Bücher. „MILIAN – Tierisch verkatert“ ist ein herzberührender Roman, der auf einer wahren Begebenheit beruht. Ein ganz anderes Genre bedient sie mit „ALLTAGSSPITZEN – Portionierte Satire to go“. Das gesellschaftliche Verhalten wird von hier in 27 Episoden mit viel trockenem Humor und Augenzwinkern in einem besonderen Schreibstil beschrieben. Ihr drittes Buch „BROT MIT STINKKÄSE“ wird in den nächsten Tagen veröffentlicht.