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12. Dezember 2018

Das Dorf in dem wir lebten

Teil fünf für Niklas von Sascha Kluger

Der Weihnachtsmann
„Boah ey, das ist sowas von ungerecht.” Ingo jammerte schon seit sich der Sankt Martins-Umzug in Bewegung gesetzt hatte. „Wieso dürfen immer nur die Großen die Fackeln tragen und wir müssen mit so blöden Pappfunzeln durch die Gegend laufen?”
„So schlecht ist deine Laterne doch gar nicht”, sagte ich. „Und der Ritter auf dem Einhorn ist dir doch auch sehr gut gelungen.”
„Das ist´n Ritter mit Lanze auf einem Pferd, ey. Ich bin doch kein Mädchen.”
„Ihr habt wenigstens eine Laterne”, sagte Pablo. „Ich habe nur diese komische Stall-Lampe hier.”
„Die ist doch cool, Kamerad.”
„Ich hätte aber lieber eine mit meinem Papa gebastelt. Aber der musste ja mal wieder arbeiten. Ätzend ist das.”
„Wenigstens geht deine Lampe nicht immer aus, so wie meine”, sagte ich und hielt Pablo meine Mond-Laterne entgegen, aus der kein Licht mehr aber dafür sehr viel Rauch kam. „Und weit und breit kein Erwachsener, der mir die Kerze wieder anmachen kann.”
„Stimmt, Kamerad. Wo sind die denn alle?”
„Keine Ahnung. Ist mir auch egal. Ich wünsche mir fürs nächste Mal vom Weihnachtsmann eine elektrische Laterne. So.”

„Vom Weihnachtsmann”, sagte Pablo und guckte mich mitleidig an.
„Ja, vom Weihnachtsmann, von wem denn sonst? Der Osterhase kommt doch erst in ein paar Monaten”, antwortet ich.
„Osterhase. Sag mal, willst du mich veräppeln?” Pablo hatte plötzlich diesen komischen Blick, den er immer hatte, wenn er kurz vorm Durchdrehen war. Jetzt hieß es vorsichtig zu sein und kein falsches Wort zu sagen.

„Wieso?” Was Besseres fiel mir nicht ein und das war wohl auch ganz gut so.
„Kumpel, du gehst schon fast in die zweite Klasse und du glaubst noch an den Weihnachtsmann? Werd´ mal erwachsen, Mann.“
„Aber…” Weiter kam ich nicht, denn plötzlich setzten die Spielleute zur Musik an. Die Trommeln rummsten so gewaltig, dass es einem richtig im Bauch rumpelte und die Posaunen waren derart laut, dass sie bestimmt noch in im Nachbardorf zu hören waren. Und das lag immerhin hinterm Wald.
„Ich liebe Posaunen”, gluckste Ingo und begann aus Leibeskräften zu singen.
„Iiiich gehe mit meiner Laaaaateeeeerne, uuund meine Laaaterneee mit mir, rummm dummm…”

Pablo und ich sangen nicht so gerne, aber das merkte niemand, denn es waren genügend andere Kinder da, die das für uns taten. Und so bahnte sich der Zug seinen Weg durch das abendliche Dorf. Voran ritt ein Mann mit einem langen roten Mantel auf einem Pferd. Hinter ihm ging eine Gruppe von Jugendlichen in weißen Gewändern und mit riesigen Fackeln in der Hand. Dahinter die Spielleute, dann kamen wir Grundschulkinder und ganz hinten durften sogar die Kindergartenkinder mitlaufen. Ich mochte das alles sehr gerne. Mir gefielen vor allem die Trommeln und die Fackeln und dass wir noch durch die Gegend laufen durften, obwohl es schon dunkel war. Das Beste aber kam zum Schluss.

Auf dem Kirchplatz hatten ein paar Helfer von der Feuerwehr ein großes Lagerfeuer angezündet. Schwester Martina verteilte mit ein paar Müttern frische Bratäpfel an die Kinder. Bratäpfel sind Äpfel, die mit Mandeln und Marzipan gefüllt und dann auf einem Grill oder im Ofen warm gemacht werden. Sehr lecker und genau das, was man nach so einem Marsch durch die kalte Nacht gebrauchen kann. Die Väter standen um einen Kessel mit Punsch und erzählten sich was.

„Huihuihhui, heiß.”
„Boah Ingo, ey. Jedes Jahr dasselbe. Du musst vorher pusten”, sagte ich kopfschüttelnd.
„Heisch… heisch… huihuihui…”, Ingo zappelte wild umher und hätte beinahe seine Laterne fallen lassen.
„Also vorhin. Also, das mit dem Weihnachtsmann. Das war doch ein Scherz von dir, richt?”
„Man Pablo, was hast du für ein Pro­blem?” Ich verstand nicht, warum ihn das so beschäftigte.
„Dir ist schon klar, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, oder?”
„Natürlich gibt es den”, widersprach ich empört.
„Hä? Den Weihnachtschmann gibt esch nischt?”
„Iss deinen Apfel, Ingo”, entgegneten Pablo und ich wie aus einem Mund.
„Manchmal frage ich mich, warum ich mich mit Kindern wie euch überhaupt abgebe.”
„Das kann dir doch total egal sein, ob ich an den Weihnachtsmann glaube oder nicht. Bei mir kommt er jedenfalls jedes Jahr und bringt Geschenke und basta.”
„Du spinnst doch. Warte, das klären wir jetzt, einen Moment. Da. Glück gehabt. Herr Pfarrer, Herr Pfarrer, darf ich Sie etwas fragen?”
„Ach Pablo, wie schön dich zu sehen. Aber sicher, mein Sohn, du darfst mich jederzeit etwas fragen.”

Der Herr Pfarrer war ein älter Herr mit Brille und grauen Haaren und war sowas wie der Chef von unserer Kirche und damit auch von Schwester Martina. Weil heute ein besonderer Abend war, trug er ein prächtiges Gewand mit ganz vielen Stickereien. Einige von ihnen schillerten sogar golden. „Nun denn, was möchtest wissen?”

„Sagen Sie, Herr Pfarrer, gibt es einen Weihnachtsmann?”
„Ach, gutes Kind”, begann er und lächelte dabei etwas mitleidig, „natürlich gibt es keinen Weihnachtsmann, der ist nur eine Erfindung.”
„HA! Ich wusste es”, freute sich Pablo.
„Aber…”

Pablo wirkte wie versteinert. „Aber was?”
„Aber, dass am Heiligen Abend das Christkind kommt, das, mein Sohn, ist ganz sicher. Und wer artig war, den wird es mit einer Gabe von Herzen lohnen.”
„Ich fass´ es nicht.” Pablo stand nun mit offenen Mund da und schaute etwas irritiert.

„Bei uns kommt aber immer der Weihnachtsmann”, sagte ich. „Wenn das in eurem Hause so Sitte ist, dann wird das wohl so sein”, entgegnete mir der Pfarrer. Das war keine besonders freundliche Antwort. Dazu muss ich aber erklären, dass er mich nicht besonders mochte. Das merkte ich auch daran, dass ich beim Schulgottesdienst nie eine Oblate, das ist sowas wie ein Keks, bekam, alle anderen Kinder aber schon. Ich durfte auch nicht von dem Traubensaft trinken, den es dazu immer gab. Ich würde eben das Falsche glauben, erklärte er mir einmal. So richtig verstanden hatte ich das aber nicht. Man kann doch an alles Mögliche glauben oder eben auch nicht. Dazu gehört doch nicht viel. Man kann sogar in der einen Minute das eine glauben und in der anderen Minute schon wieder was ganz anders. Das geht ganz fix. Das kann wirklich jeder.

„Jupp”, sagte ich nur. Der Pfarrer schwenkte einmal seine Hand über uns, sprach dabei “„Gott segne euch” und ging einfach weiter.
„Ich glaube jedenfalls an den Weihnachtsmann, so.”
„Ach, glaub´ doch was du willst”, erwiderte Pablo und machte dabei eine abfällige Handbewegung.
„Hihi”, kicherte Ingo, „schaut mal, Kameraden. Uwes Papa versucht das Lagerfeuer auszupinkeln.”

Wenn die Erwachsenen komisch wurden, wussten wir, dass es schon spät war und so verabschiedeten wir uns voneinander und gingen jeder für sich nach Hause. Pablo wurde von einem Taxi nach Hause gefahren, welches schon eine ganze Weile am Straßenrand auf ihn wartete. Ingo lief nur ein paar Meter zu seiner Mama, die Schwester Martina beim Aufräumen half. Ich ging alleine nach Hause. Das war gar nicht schlimm, denn die Kirche war nicht weit von zu Hause weg und über die große Straße musste ich auch nicht gehen.

„Na, hat es Spaß gemacht?” Herr Dieckmann saß auf einem Hocker in seinem Vorgarten und putzte sein Werkzeug über einem großen Holzkübel.
„Und wie. Das Tollste waren die Trommeln und die Fackeln und Bratäpfel gab es auch wieder.”
„Klasse. Mensch, dann hattest du ja einen richtig schönen Abend. Ich habe die ganze Zeit mein Werkzeug sauber gemacht. Das ist nämlich sehr wichtig. Nur weil Mauern nicht immer sauber ist, heißt das nicht, dass man einfach alles dreckig lassen darf. Werkzeuge müssen sauber sein. Dann halten sie länger und machen mehr Spaß, das musst du dir merken.”

„Das werde ich, Herr Dieckmann. Herr Dieckmann, darf ich Sie mal etwas fragen.”
„Aber sicher.”
„Gibt es einen Weihnachtsmann, Herr Dieckmann?”
„Glaubst du denn an den Weihnachtsmann?”
„Ich weiß nicht, also eigentlich schon. Ja, ich glaube an den Weihnachtsmann.”
„Dann gibt es ihn auch.”
„Das verstehe ich nicht.”
„Solange es Kinder gibt, die an ihn glauben, so lange gibt es auch den Weihnachtsmann.”
„Aber Herr Dieckmann, was passiert denn, wenn niemand mehr an den Weihnachtsmann glaubt?”
„Das wird nicht passieren, glaube ich. Ich weiß aber, dass ich den Weihnachtsmann mal gesehen habe, als ich selber noch ein Kind war. Und ich weiß, dass du nach Hause musst. Es ist schon spät. Husch Husch.”
„Ja, richtig. Danke, Herr Dieckmann. Gute Nacht, Herr Dieckmann.”

Zu Hause ging es dann gleich ab ins Bett. Gegessen hatte ich ja schon und außerdem war es schon spät. Zähneputzen musste ich vorher aber trotzdem noch, klar.

„Du, Mama?”, fragte ich meine Mama, als sie noch kurz in mein Zimmer kam, um mir „Gute Nacht” zu sagen, „gibt es einen Weihnachtsmann?”
„Selbstverständlich gibt es einen Weihnachtsmann.”
„Aber Weihnachten war doch jetzt schon 16 Mal und…”
„Sechs Mal, mein Schatz. Sechs Mal.”

„Und warum habe ich den Weihnachtsmann dann noch nie gesehen? Damals war ich ja noch ein Baby. Aber letztes Weihnachten, da, wo ich die Blecheisenbahn bekommen habe, ach du weißt schon, da hätte ich ihn doch sehen müssen, den Weihnachtsmann. Habe ich aber nicht.”

„Er ist eben sehr schüchtern. Er ist zwar sehr berühmt, aber das mag er eigentlich gar nicht. Außerdem hat er zu Heiligabend viel zu tun. Da hat er gar keine Zeit, groß mit den Kindern zu reden. Er kommt rein, sagt mir manchmal noch kurz ‘Hallo’, legt die Geschenke ab und geht wieder.”

„Aber…”
„Kein Aber, jetzt wird geschlafen. Morgen ist wieder Schule.”
„Gute Nacht, Mama.”
„Gute Nacht, mein Schatz.”

In den folgenden Wochen fragte ich immer mal wieder verschiedene Leute nach dem Weihnachtsmann. Herr August erklärte mir, dass er ihn gut kennen würde, denn manchmal käme es vor, dass er zu wenig Geschenke dabei hätte, weil er sich schon mal verzählen würde und er dann noch ein paar Kleinigkeiten bei Herrn August höchstpersönlich kaufen würde. Zu einem Sonderpreis, verstünde sich.

Frau Schall meinte, dass sie mir das lieber nicht verraten würde, weil sie mir nichts Falsches erzählen mochte. Das verstand ich zwar nicht so richtig, weil ich schließlich nur eine einfach Ja-oder-nein-Frage gestellt hatte, aber was sollte ich machen?

Frau Züllinski, die mit ihren drei Kindern in der alten Wassermühle wohnte und immer ganz bunte Kleider und Strickpullis trug, erklärte mir mit vielen Worten, dass es keinen Weihnachtsmann gäbe. Aber dass es ganz früher mal Germanen gab und Odin – irgendso ein Gott – im Winter von Haus zu Haus gezogen sei, um die Kinder zu segnen und dass man darum jeden freundlich begrüßt hätte, der an der Haustür klopfte, weil es schließlich Odin hätte sein können. Das klang für mich alles sehr sonderbar und darum wurde ich dadurch auch nicht schlauer.

Als ich Sandra fragte, antwortete sie einfach nur mit „hau‘ ab” und war mir auch keine große Hilfe. Aber in ihrem neuen Wintermantel und mit der Wollmütze sah sie trotzdem verdammt niedlich aus.

Anna war mir da schon eine größere Hilfe. Sie schwor, sogar mit gekreuzten Fingern, dass der Weihnachtsmann jedes Jahr am Heiligen Abend zu ihnen nach Hause käme. Gleich nach dem Abendessen. Er wäre ein großer, dicker Mann mit langem Bart, einem dunkelroten Mantel mit Kapuze und einer ganz tiefen Stimme. Er würde sich dann immer noch kurz zu ihr setzen. Im letzten Jahr habe sie ihm etwas auf der Blockflöte vorgespielt und er habe ihr zum Dank eine kurze Geschichte vorgelesen und dann habe es Geschenke aus einem großen Jutesack gegeben. Letztes Jahr habe sie von ihm Sabrina bekommen. Sabrina war Annas Lieblingspuppe.

Jetzt war ich vollkommen verwirrt. Der Weihnachtsmann hatte also genügend Zeit mit Anna zu reden, aber mit mir nicht. Das konnte ja nur bedeuten, dass er Mädchen lieber mochte als Jungs. Oder aber, er mochte mich einfach nicht so gerne. Sollte das etwa auch daran liegen, dass ich seiner Meinung nach das Falsche glaubte? Oder vielleicht machten ja auch meine Eltern irgendetwas falsch. Ich begann mir ernsthaft Sorgen zu machen.

Endlich war der große Tag da. Meine Mama hatte schon am Vortag den Baum geschmückt. Er war so riesig, dass sie ab und zu sogar auf eine Leiter klettern musste, um überall dran zu kommen. Der große Wohnzimmertisch war prächtig mit dem eingedeckt, zu dem meine Mama immer „für gut” sagte, womit sie meinte, dass sie bestimmte Teller und Gläser nur benutzte, wenn es etwas Besonderes zu feiern gab.

„Wann ist Bescherung”, fragte ich meine Mama, die gerade im Bademantel in der Küche stand und Kaffee kochte.

„Das dauert noch ein wenig.”
„Wie lange denn?”
„Wenn es anfängt dunkel zu werden, kommen Oma und Opa und dann essen wir erst einmal und dann ist Bescherung.”
„Wann wird es denn dunkel?”
„Wenn die Sonne untergeht. Ungefähr um vier Uhr.”
„Und wie spät ist es jetzt?”
„Jetzt ist es halb neun.”

„Das sind ja dann noch… zehn, elf, zwölf, plus vier… das sind ja dann noch sieben Stunden.”
„Genau, und jetzt gibt es Frühstück.”
„Ich habe aber gar keinen Hunger.”

„Dann darfst du heute ausnahmsweise das Frühstück ausfallen lassen. Sag mir aber Bescheid, wenn du Hunger bekommst, ja?”

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich hatte den ganzen Tag keinen richtigen Appetit. Dafür war ich viel zu aufgeregt. Ab und zu knabberte ich mal an einem Lebkuchen oder einem Spekulatius, aber das war es dann auch. Ich ging in mein Zimmer, baute die Cowboystadt und die Blecheisenbahn auf, spielte Raubüberfall, Lokomotivführer, Angriff auf die Stadt und einen einsamen Helden auf seinem Pferd in der Wüste. Irgendwann konnte ich mich nicht mehr konzentrieren, aber es musste schließlich auch schon spät sein. Es wurde draußen sogar schon ein bisschen dunkel, fand ich. Darum dachte ich, es sei mal an der Zeit, die Lage zu überprüfen. Meine Eltern saßen in der Küche. Beide im Bademantel. Sie tranken Kaffee und unterhielten sich.

„Na, mein Sohn, spielst du schön?”, frage mein Papa.
„Was macht ihr denn da?”, fragte ich irritiert zurück.
„Wir frühstücken.”
„Aber Oma und Opa kommen doch gleich.”
„Ja, heute Abend. Es ist doch gerade mal neun Uhr.”

In diesem Moment wurde mir klar, dass es ein sehr, sehr langer Tag werden würde. Und um alles noch schlimmer zu machen, durfte ich mich auch nicht mit Pablo oder Ingo treffen, weil Mama meinte: „Weihnachten ist ein Familientag, es ist unhöflich an solchen Tagen bei anderen Leuten zu klingeln.”

Mein Papa wollte nach dem Frühstück auch nicht mit mir spielen. Stattdessen hackte er Holz, rasierte sich, tat irgendetwas in der Garage und ähnlich unweihnachtliches Zeugs. Mama stand die meiste Zeit in der Küche und hatte noch nicht einmal Lust meine Cowboystadt anzuschauen. Zum Glück durfte ich aber ab ein Uhr Fernsehen schauen und zwar so viel ich wollte, einfach weil es ein besonderer Tag war. Das Gemeine war, dass alles, was im Fernsehen kam, mit Weihnachten zu tun hatte. Da war zum Beispiel eine Geschichte über einen kleinen Jungen mit blonden Haaren, der auf einem Bauernhof lebte und den kompletten Inhalt der elterlichen Vorratskammer an die ganz armen Leute verschenkte, damit sie Weihnachten feiern konnten. Dann gab es etwas über ein Mädchen mit roten Zöpfen, Sommersprossen und Strumpfhosen, die für ihre Freunde Weihnachtsgeschenke einkaufte und nur solche Sachen. Fernsehen, ganz gut und schön, aber das alles machte das Warten auf den Abend auch nicht viel leichter, das kann ich Dir sagen. Ich war wirklich fertig mit den Nerven.

Aber dann. Endlich. Es war soweit. Das Feuer knisterte im Kamin und aus der Küche roch es nach der leckeren Gulaschsuppe, die Mama nur zu Weihnachten kochte. Oma und Opa kamen. Dann: Abendbrot. Meinen Teller hatte ich schon sehr schnell leer gegessen und rief: „Fertig.” Keine Reaktion. Darum setzte ich nach: „Ist jetzt Bescherung?” „Nein, es ist noch zu früh, es ist noch nicht dunkel genug”, antwortete meine Mama. „Ich nehme gerne noch ein wenig von der Suppe”, sagte mein Opa und mir war klar, dass es noch eine ganze Weile dauern würde. Einfach aufzustehen, obwohl andere noch beim Essen waren, das war damals nicht drin. Wenn Besuch da war schon mal gar nicht. Also saß ich auf meinem Platz und langweilte mich so sehr, dass ich fast schon richtig böse wurde. Irgendwann, nach quälenden Minuten des Wartens, die Erwachsenen erzählten sich nun Witze, die ich nicht verstand, stand mein Papa auf und meinte: „Komm mit, Sohnemann, wir gehen mal schauen, ob wir den Weihnachtsmann sehen.”

„Öhm, gibt es den Weihnachtsmann denn überhaupt in echt?”

„Natürlich. Und hier auf draußen auf dem Land, wo es so wenig Straßenlicht gibt, da sieht man ihn auch besonders gut, wenn er mit seinem Schlitten durch den Nachthimmel fliegt.” Ich war zwar etwas skeptisch, aber, na gut. Immer noch besser als weiter am Tisch zu sitzen und Opas Gerede zuzuhören. Papa und ich zogen die dicksten Jacken und die flauschigsten Stiefel an, die wir besaßen und gingen los. Diese Weihnachtsspaziergänge waren die schönsten Momente, die ich je mit meinem Papa erlebt habe. An jenem Abend kamen wir nur mühsam vorwärts. Es hatte stark geschneit und Herr Huber, der normalerweise dafür zuständig war, die Wege im Dorf vom Schnee zu befreien, feierte natürlich ebenfalls Weihnachten und hatte keine Zeit. So stapften wir angestrengt durch die Gegend und unterhielten uns dabei über die Schule, über Sandra und wie sehr ich sie mochte und natürlich auch über die Frage, ob es den Weihnachtsmann gäbe.

„Mein Sohn, ob du es glaubst oder nicht, ich habe den Weihnachtsmann auch noch nie gesehen. Aber ich weiß, dass es ihn gibt.”

„Das verstehe ich nicht, Papa. Also glaubst du nur, dass es ihn gibt?”

„Nein, ich weiß, dass es ihn gibt, denn anders kann ich mir nicht erklären, wo jedes Jahr die Geschenke herkommen. Oder glaubst du, dass ich so viel Geld habe, um dir einfach so eine Blecheisenbahn zu kaufen? Dann könntest du sie ja auch bekommen, wenn gerade nicht Weihnachten ist. Das ist doch logisch, oder?”

„Ja, aber trotzdem, Papa, ich glaube, ich glaube nicht an den Weihnachtsmann.”
„Das ist gar nicht schlimm. Das macht ihm nichts aus. Er kommt trotzdem zu dir, da bin ich mir ganz sicher.”

„Aber, was ist wenn…”
„DA!”, unterbrach mich Papa und zeigte hektisch in den sternenklaren Himmel. Tatsächlich, dort huschte ein silberner, leuchtender Streifen über uns hinweg und verschwand hinter dem Haus von Herrn Diekmann. Ich traute meinen Augen kaum. Wie konnte das sein?

„Tja, ich glaube, es ist an der Zeit nach Hause zu gehen. Wenn der Weihnachtsmann jetzt schon bei unseren Nachbarn ist, dann hat er es schließlich nicht mehr weit.”

Das Beste am lange durch den Schnee laufen ist, wenn man wieder ins warme Zuhause kommt. Und noch während wir unsere Sachen auszogen, kam schon meine Mama hektisch zu uns in den Flur geeilt. „Da seid ihr ja endlich. Ihr habt den Weihnachtsmann verpasst. Er ist gerade eben zur Tür hinaus. Aber er hat etwas dagelassen.”

Sie trat zur Seite und gab den Blick auf unseren Weihnachtsbaum frei. In ihm brannten nun Kerzen und die Kugeln, mit denen er geschmückt war, strahlten in den schönsten Farben. Im Hintergrund lief leise eine Spieluhr. Und tatsächlich: Unter dem Baum lagen bunt verpackte Pakete und ein Teller voller Süßigkeiten. All das war vorher noch gar nicht dagewesen. In jenem Moment war es mir vollkommen egal, ob es den Weihnachtsmann gab oder nicht. Ich wollte einfach nur vor Freude platzen.

Was ich alles auspacken durfte, das verrate ich Dir später einmal. Trotzdem gibt es da eine ganz merkwürdige Sache, von der ich Dir noch ganz dringend erzählen möchte. Eine, die mich noch heute beschäftigt. Und zwar folgende: Irgendwann musste ich ins Bett. Das fand ich zwar gar nicht so gut, weil ich eigentlich mit meinen neuen Sachen spielen wollte, aber was sollte ich machen? Als ich mich im Bad bettfertig machte, schaute ich beim Zähneputzen noch einmal aus dem Fenster. Und ob Du es mir glaubst oder nicht: Im Schnee in unserem Garten, da waren deutliche Spuren. Zwei Streifen, wie von einem Schlitten. Sie fingen einfach irgendwo an und endeten auch wieder ganz plötzlich. In der Mitte, zwischen den beiden Linien waren Hufabdrücke. Aber das Merkwürdigste war, dass da auch noch Fußstapfen waren, die von den Schlittenspuren einmal zu unserem Terrassenfenster und wieder zurück führten. Leider schneite es in der Nacht noch einmal sehr stark und so waren die Abdrücke am nächsten Morgen nicht mehr zu sehen. Mir war vollkommen klar, dass mir das kaum jemand glauben würde und darum habe ich bis heute auch noch niemandem davon erzählt.

Sascha Kluger

Gibt es den Weihnachtsmann nun doch?

Gibt es den Weihnachtsmann nun doch?