Kultur & Unterhaltung

12. Dezember 2018

Humor und schlaue Gassenhauer

Dafür sorgten die Gebrüder Wolf in der Weimarer Zeit mitten auf der Reeperbahn

Eine kleine Straße am Rande der Neustadt, vom Lärm der vierspurigen Ludwig-Erhard-Straße durch einen Hotel-Neubau abgeschirmt. Haus Nummer 86 ist gut erhalten, mit schmucken Figuren und Reliefs an der Fassade. Eher bürgerlich als proletarisch, wie man es für die Neustadt erwarten würde. Ludwig Wolf hatte es gemeinsam mit seinem Bruder Leopold schon zu etwas gebracht, als er hier 1915 mit seiner Frau einzog. Die beiden Gesangshumoristen und Urheber der heimlichen Hamburg-Hymne „An de Eck steiht‘n Jung mit‘n Tüddelband“ waren zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und gut im Geschäft. Sie besaßen, betrieben und bespielten unter anderem das Neue Operettentheater am Spielbudenplatz 1, wo heute das Stage Operettenhaus steht.

Eine alte Frau erscheint auf einem der Balkone. Kann sie sich an Ludwig Wolf erinnern? Vielleicht hat sie ihn als Kind getroffen. Bevor sie befragt werden kann, verschwindet die Dame wieder in ihrer Wohnung.

Auch das Wissen um die Gebrüder Wolf war lange verschwunden. Zwar kennt auch heute noch fast jeder in Hamburg ihren berühmten Gassenhauer. Lange aber wusste kaum jemand etwas von den Urhebern. Bis der mittlerweile verstorbene Journalist Jens Huckeriede ihnen mit einem Film plus dazugehörigem Musik-Sampler ein Denkmal setzte, der den Glanz ihres Schaffens in die Gegenwart rettete. Eine Heldentat, die es Hamburger Künstlern möglich machte, an das Repertoire des Duos anzuknüpfen.

Die jüdischen Gebrüder Wolf waren echte Hamburger Jungs, aufgewachsen als Söhne eines Schlachtergesellen in der Neustadt. Schon 1895 hatten Ludwig, Leopold und James Isaac das Wolf-Trio gegründet. Sie unterhielten das Publikum mit Sketchen, witzigen Plaudereien, derben Liedern und lustigen Couplets mit ausgeprägtem Lokalkolorit. Das kam an, nicht nur in Hamburg. James stieg 1906 aus und eröffnete einen Tabakladen in der Bismarckstraße in Eimsbüttel. Die beiden anderen machten weiter. Ludwig war der künstlerische Kopf, Leopold der kaufmännische. Sie drehten Filme und waren ständig auf Tournee. Als Leopold 1926 starb, übernahm sein Sohn James Iwan. Er kannte alle Lieder und setzte gemeinsam mit seinem Onkel den Erfolg fort.

Bis die Machtergreifung der Nationalsozialisten dem schlagartig ein Ende setzte. Die Gebrüder Wolf erhielten Auftrittsverbot. Ihre populären Lieder wie „Snuten un Poten“ oder „Dat Paddelboot“ waren zwar weiterhin in aller Munde. Offziell aber hatten sie nun keine Urheber mehr. Und das Neue Operettentheater am Spielbudenplatz übernahm eine braune Par­teigröße.

Mit anderen aus der Familie floh James Iwan nach Shanghai. Seinen Onkel James ermordeten die Nationalsozialisten im KZ Theresienstadt, so wie auch viele andere Mitglieder der großen Familie. Einzig Ludwig überlebte, ohne zu emigrieren, weil er mit einer „Arierin“ verheiratet war. Die beiden lebten bis zu seinem Tod 1955 im bürgerlichen Haus Hütten 86.

Bis zur Wiederentdeckung der Gebrüder Wolf vor zwei Jahrzehnten war es den Nationalsozialisten gelungen, das Wissen über diese kreativen Söhne der Stadt zu eliminieren. Und das lange über die Zeit ihrer Herrschaft hinaus.

Das hat sich zum Glück geändert. Neben einer blauen Tafel am Haus Hütten 86 erinnern unweit der Gebrüder-Wolf-Platz auf dem ehemaligen Gelände der Bavaria- und St. Pauli-Brauerei an sie sowie ein Stolperstein in der Bismarckstraße 11. Und die noch imme präsenten Lieder sowieso.

Michele Avantario und Klaus Sieg
Fotos von Martin Langer

 

DAS WEISSE HAMBURG-BUCH richtet den Blick auf die hellen Seiten der Stadt. Es erzählt von demokratischen Aufbrüchen, glorreichem Aufbegehren, erfolgreicher Gegenkultur, genialen Tüfteleien, sozialem und technischem Fortschritt. DAS WEISSE HAMBURG-BUCH bildet somit das Gegenstück zum SCHWARZEN HAMBURG-BUCH (Junius, 2016). DAS WEISSE HAMBURG-BUCH versammelt 45 Geschichten. Vielen wohnt neben dem Hellen auch etwas Dunkles inne. Dafür aber leuchtet das Licht in ihnen umso stärker.

DAS WEISSE HAMBURG-BUCH
von Michele Avantario und Klaus Sieg, mit Fotos von Martin Langer

Conference Point Verlag, 168 Seiten, Hardcover, mit ca. 80 Farbabbildungen 19,80 Euro, ISBN 978-3-936406-59-7