Kultur & Unterhaltung

12. Dezember 2018

Auslandsjahr Toronto

Nass und kalt: die Bootsfahrt zu den Niagarafällen

Nass und kalt: die Bootsfahrt zu den Niagarafällen

Ein Jahr am Lake Ontario (Teil 2)

,,Good morning, can you please continue driving? This is a rolling stop!” – unser Routine-Satz morgens um acht Uhr. Der Ort des Geschehens ist die Straße vor dem Schuleingang, die in dieser Zeit von dicken SUVs und Teslas überfüllt ist. Ausgerüstet mit Warnwesten und Stopp-Schild, versuchen wir den Verkehr zu regeln und die Überquerung der Straße für junge Fußgänger zu gewährleisten. Damit kein Auto-Stau entsteht, ist der Bereich vor der Schule somit als ,,rolling stop” gekennzeichnet. Heißt: Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren, dürfen nur kurz anhalten, um ihre Schützlinge rauszulassen. Jedoch klappt das nicht immer. Es reicht schon, dass sich ein Kind nicht von den Eltern trennen und nicht aus dem Auto aussteigen möchte – schon geht ein Hup-Konzert los. Wenigstens wird man so schnell wach.

Der Platz vor dem Eaton Centre, Hotspot vieler Touristen

Der Platz vor dem Eaton Centre, Hotspot vieler Touristen

Nun bin ich bereits seit drei Monaten in Toronto. Seitdem ist einiges passiert: viele Erkundungstouren durch die Stadt und zu ihren Sehenswürdigkeiten, eine wirklich nennenswerte Bootstour zu den Niagarafällen und vor allem das Kennenlernen des Schulpersonals und der Schüler und Schülerinnen. Zuerst ein paar Worte zum Personal: Das Klischee, dass die Kanadier ein offenes, kommunikatives und übertrieben freundliches Volk sind, kann ich in der Tat nur bestätigen. Egal ob Lehrkraft, Schulleiter, Kindergarten- und Putzpersonal, jeder fragt ständig, wie es dir geht, ob du Hilfe brauchst oder wie dir Toronto gefällt. Selbst wenn dir Leute die Tür aufhalten und du dich dafür bedankst, danken sie zurück – nur weil man durch eine Tür gegangen ist. Das ist wirklich verrückt.

Einmal hat uns die Klassenlehrerin der 2. Klasse sogar ihr Auto für ein ganzes Wochenende geliehen, womit wir einen Ausflug zu den Kawartha Highlands, einen Provinzpark Ontarios voller Seen und Wälder, unternommen haben. Auf der knapp dreistündigen Autofahrt dorthin ist uns neben den eindrucksvollen Landschaften nordöstlich von Toronto vor allem eine Sache besonders aufgefallen: Viele Kanadier fahren sehr vorsichtig und freundlich, ganz anders als in vielen Teilen Deutschlands. Der Wagen wird sofort angehalten, wenn ein Fußgänger die Straße überqueren möchte, sei es an Fußgängerüberwegen oder nicht. Seitdem wissen wir: Kanada ist eben nicht Deutschland!

Der CN-Tower bietet eine außergewöhnliche Aussicht auf die Stadt.

Der CN-Tower bietet eine außergewöhnliche Aussicht auf die Stadt.

Ein weiterer großer Unterschied zu Deutschland ist das Wetter. In Deutschland verbindet man oft sehr kaltes Wetter mit Kanada und dieses Denken kann ich vollkommen bestätigen. Die kalten Temperaturen unter Null ließen nicht lange auf sich warten. Bereits Ende Oktober wurden wir vom ersten Schnee überrascht. Dieser wandelte sich zwar schnell in einen Hagelsturm, angefangen hatte das Ganze jedoch mit sanften Schneeflocken. Seitdem grinsen uns jeden Tag mindestens drei Lehrer der Schule an und raten uns: ,,Winter ist coming. Especially for you German guys.” Jaja, wir Deutschen werden also erfrieren.

Um dies zu verhindern, machten wir vor wenigen Wochen einen Trip ins ,,Yorkdale Shopping Centre”, einem großen Einkaufszentrum im Norden der Stadt. Wenn ich groß schreibe, ist das wahrlich nicht übertrieben: Mit rund 171000 Quadratmetern ist es knapp dreimal so groß wie das Alstertal-Einkaufszentrum (knapp 60000 Quadratmeter Gesamtfläche) und bietet unter anderem extradicke Winterjacken an. Dieses Angebot nahmen wir natürlich gerne an. Seitdem sind diese Jacken unsere ständigen Begleiter, sobald wir einen Fuß vor die Tür setzen. An kaltes Kanada-Wetter haben uns wir also – mit Hilfe – gewöhnt.

Toronto FC vs. LA Galaxy: Das Spiel, in dem Zlatan Ibrahimovic das 500. Tor seiner Karriere schoss.

Toronto FC vs. LA Galaxy: Das Spiel, in dem Zlatan Ibrahimovic das 500. Tor seiner Karriere schoss.

Jedoch hat es eine Weile gedauert, sich mit dem Alltag an der Waldorf Academy vertraut zu machen. Dadurch, dass wir in allen Bereichen der Schule (Vorschule, Kindergarten, Schulklassen 1-8, Sekretariat) tätig sind, fiel es uns anfangs enorm schwer, alle Namen auswendig zu lernen. Auch heute noch müssen wir manche Kinder fragen, wie sie heißen. 200 Kindernamen plus die Namen des gesamten Personals sind eben nicht schnell auswendig zu lernen.

Ein Grund, uns wegen der wiederholenden Fragerei nicht zu mögen, ist das aber wohl nicht. Vor allem die jüngeren Kinder zwischen vier und zehn Jahren sehen uns eher als große Brüder statt als ,,Lehrkräfte” an. Sie klettern auf uns herum, möchten mit uns spielen oder malen Bilder für uns. Etwas schwieriger sind nur die Jungs der 8. Klasse. Da sie die Ältesten an der Schule sind, versuchen sie uns gerne mit frechen Sprüchen und Aktionen herauszufordern. Hier waren schon öfter mahnende Worte und Blicke nötig, um dagegen anzuhalten. Ob ich in dem Alter auch so war?

Neben den Kindern spielen natürlich auch die Eltern eine große Rolle. Neben Gutscheinen für Supermärkte, Kinos und Restaurants erhalten wir jeden Tag frisches Essen für unsere Mittagspausen. Hier profitieren wir ganz deutlich von den verschiedenen Herkunftsländern der einzelnen Familien. Ob italienisch, indisch oder mexikanisch – bisher konnten wir sehr facettenreich kostenlos essen. Sogar Schnitzel mit Bohnen gab es. So rückt Deutschland – kulinarisch – gleich ein ganzes Stück näher.

Bisher lässt es sich am Lake Ontario also sehr gut aushalten. Wir haben uns an den Schulalltag gewöhnt und sind gut versorgt. Als nächstes steht Weihnachten an, hoffentlich verpackt in eine Menge Schnee. Das war, zumindest in Hamburg, in den letzten Jahren eher seltener der Fall…

Patrick Andreas

342 Meter über der Stadt: Tim Oehlert (l.), Simon Fiessinger und Patrick Andreas.

342 Meter über der Stadt: Tim Oehlert (l.), Simon Fiessinger und Patrick Andreas.