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11. Dezember 2018

Wunschzettel

Mit Tusche und Kakao

November, das war der Monat, in dem wir als Kinder an unseren Wunschzetteln tüftelten. Nach langen Tagen des Abwägens wurden Wünsche in eigener Sache an schmuddelwettrigen Nachmittagen bei einem heißen Kakao sorgsam mit ange­­knab­ber­ten Buntstiften ins Bild gesetzt. Üblicherweise kam und kommt der November recht trübe daher. Sein Name jedoch klang in unseren jungen Ohren schon recht ähnlich wie der herausragende Monat Nummer zwölf, und das Wunschzettelritual ließ
alles Novembergrau vergessen. Noch heute
erinnert der Geruch frisch angespitzter Buntstifte an das Bemühen, einen abgabefähigen Wunschzettel anzufertigen. Meistens kam auch der Tuschkasten zum Einsatz, und es war dann üblich, den Pinsel in wunschtrunkenem Übereifer in den Kakaobecher zu tunken, der äußerst fahrlässig direkt neben dem Tuschwasserglas stand. Die Mutter ertrug diese alljährlich vorkommende Schusseligkeit mit Humor, trocknete sich ihre Küchenhände in der Schürze ab und brachte einen neuen Drink. Das war verblüffend und stand in hellstem Kontrast zur gängigen Alltagspraxis. Man durfte es wohl getrost als erstes Anzeichen einer vorfestlichen Zeit einordnen.

Am ersten Dezember waren die Werke abzugeben. Dieser Moment war immer aufs Neue sensationell, hatte man sich als Kind in den 1960er Jahren doch in vielen Belangen deutlich weiter hinten anzustellen als heutzutage. Aber einmal im Jahr gab es die ausdrückliche Aufforderung Wünsche zu äußern. Wunderbar! Sie blieben immer in einem erfüllbaren Rahmen, rückblickend sind die Gründe dafür nicht eindeutig zu erklären. Vielleicht haben die Eltern unmerklich und behutsam gelenkt? Der Wunschzettel des Vaters (er wäre heute schon Uropa), den er als 13-Jähriger vor nunmehr 85 Jahren angefertigt hatte, kann dabei nicht maßgebend gewesen sein. Dieses gut erhaltene Frühwerk wurde zwar gebührend bestaunt, aber es war klar, dass der nächsten Generation damit keine inhaltliche Leitlinie vermittelt werden sollte. Hausschuhe als Weihnachtswunsch – das erschien uns kaum minder exotisch als gute Laune beim Schuheputzen. Ausgenommen am fünften Dezember abends.

Sind Buntstifte noch aktuell?
Werden überhaupt noch Wunschzettel gezeichnet? In manchen Spielzeugpro­spekten werden ja längst neben die einzelnen Abbildungen kleine Kästchen zum Ankreuzen abgedruckt. Mit Verlaub, so eine lässige Praxis darf doch wohl bitte nicht einreißen. Kaum besser: Im Inter­net lassen sich zahlreiche Vordrucke für Wunschzettel finden, aber beseelter als die Steuererklärung wirkt das eigentlich nicht. Auf www.hallo-eltern.de werden zwei Druckvorlagen angeboten, gleich neben einem Beitrag zum Umgang mit Kopfläusen. Und natürlich gibt es mittlerweile die Wunschzettel-App für iOS und Android. Auf der Homepage von Chip.de wird das sehr wohlwollend kommentiert: Neuerdings könne man sogar Web-Adressen hinzufügen, um dem Schenkenden das umständliche Suchen zu erleichtern, und die Wunschliste ließe sich dann kinderleicht per Twitter, Facebook oder E-Mail verschicken. Aha, soso. Hat denn der Weihnachtsmann, der
drauß‘ vom Walde kommt, in seinem tief verschneiten Forst überhaupt Netz­empfang? Und kann er zuverlässig mit dicken Handschuhen auf seinem Tablet die Eingänge sichten? Bleibt womöglich manch‘ digitale Wunschpost im Spam-Filter hängen? Dieses papierlose Verfahren scheint doch eine recht unsichere Sache zu sein. Außerdem fehlen der stimmungsfördernde Buntstiftgeruch und das Kakaogeklecker. Na gut, vielleicht darf heute ein Grafikprogramm auch einmal die Buntstifte ersetzen. Das duftet dann aber leider nicht nach Wunschzettel.

Der Kindheit entwachsen, beziehen sich unsere Wünsche zunehmend auf das Wohlergehen anderer, und selbstverständlich stehen Frieden und Gesundheit auf allen Zetteln weit oben. Zu einem weniger breit angelegten Wunsch inspirierte ein Besuch im Baumarkt. Unvorsichtigerweise war ein Bild von der Wand genommen worden, die sogleich empört mit einem viereckigen, hellen Fleck ihr Verlangen nach frischer Farbe öffentlich machte. Im Herbst wird ja allgemein gern – oder notgedrungen – renoviert und es dürstet nach frischem Adventszubehör, folglich herrschte im Markt einiger Betrieb.

Paarlaufen im Baumarkt

Nun lassen ja manche Menschen gelegentlich ein wenig unbedacht den Vorhang vor ihren Seelenzuständen aufwehen, auch zwischen den Regalen des Baumarkts. Da stand also in der Sanitärabteilung eine Gattin, granithart wie das Bismarck-Denkmal, und verlangte gereizt von ihrem Mann, er solle einen Waschtisch von 120 cm Breite in eine häusliche Nische von 110 cm einbauen. Im nächsten Gang deklamierte lautstark ein missgestimmter Bursche, der wohl seinen Resturlaub in die Binsen gehen sah, dass er zur Not zusammen mit seinem Kumpel, aber keinesfalls gemeinsam mit seiner ihm Angetrauten, tapezieren würde. Er blickte triumphierend um sich, als müsse nun Beifall aufbrausen. Das unfreiwillige Publikum hatte für ihn weder Ohr noch Auge. Du lieber Himmel, das hatte grad noch gefehlt, sich hier diesen Mumpitz anhören zu müssen. Andere Paare machen schließlich nicht so ein Theater, wenn sie sich aus guten Gründen gemeinsames Tapezieren ersparen, das kann man ganz locker handhaben. Weiter jetzt. Man schob sich ohne jede Ergriffenheit mit klapperndem Einkaufswagen an ihm vorbei, ein Wagen mit Linksdrall erwischte ihn, zack, noch an der Hacke.

Ein drittes Paar kabbelte sich vernehmlich bei dem Versuch, zwischen den dekorativen Zumutungen dieser Jahreszeit eine akzeptable Lichterkette zu finden. Was zugegebenermaßen herausfordernd sein kann, doch hey, es geht immerhin um Freude am Licht. An diesem Tag aber schien die Verfassung der meisten Marktbesucher aus irgendeinem Grund novembergrau eingetrübt zu sein. Vielleicht lag es am Wetter, das weit davon entfernt war, sich an die heitere Tagesprognose der morgendlichen Humoristen vom Regionalsender zu halten.

Aber dann! Von einer Sekunde auf die andere veränderte sich die Szenerie. Es trat dieses strahlende junge Paar auf, das mit schmalem Budget die erste eigene Bude herrichten wollte, durch alle Abteilungen des Marktes bummelte, eingehakt, Pläne schmiedend, in den Augen die Vorfreude auf die kommenden, gemeinsamen Ausbauvorhaben. Bei jedem Farbeimer schauten sie zuerst auf den Preis. Später würden sie Pinsel und Rolle schwingen bis in die Nacht und das stolze Ergebnis bei billigem Rotwein aus schlichten Gläsern zum Duft der trocknenden Farbe feiern. Den beiden zuzuschauen war ergreifend wie eine Hochzeit. Möge die Vorsehung und ihre eigene Weisheit verhindern, dass sie irgendwann den erstgenannten Beispielen ähnlich werden. Solle es ihnen bitte gelingen, sich nicht jeden Abend drei Beanstandungen zuzuschieben, zu welchen Merkmalen ihrer Eigentümlichkeit auch immer. Denn das ergäbe nach zehn Jahren 10.952 Appetitzügler, Schaltjahre eingerechnet, und wem will man so etwas wünschen?

Aber noch leuchtete volle Zuversicht über der Szene, wenn auch dieses erste Stück ihres gemeinsamen Weges noch nicht viel von dem Pärchen forderte. In dieser Verfassung hätten die zwei sogar den sogenannten IKEA-Test bestanden: Wenn ein „neues“ Paar es schafft, gelassen einen Samstag im Möbelhaus zu bewältigen, inklusive ihrer Kaufattacken bei Kerzen, Keksen, Küchenkleinkram und seiner humorbefreiten Entschlossenheit, im Nieselregen alles ganz allein im zu kleinen Auto zu verstauen, dann hat es eine Chance auf eine gemeinsame Zukunft.

Hallo, ihr Zwei, ihr werdet es schaffen! Jedenfalls kommt das auf den diesjährigen Wunschzettel! Kakao steht schon bereit. Vorsichtshalber ohne Tuschkasten.

Wolfgang Wunstorf