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7. Dezember 2018

Ein kleiner Fixstern

Kurzgeschichte von Marlis David

Es war die Stimme, die nur einen Satz sagte, und es war um mich geschehen. Mir wurde zum ersten Mal bewusst, dass es der Klang einer Stimme war, der mich anzog oder abstieß. Langsam drehte ich mich um und sah in zwei strahlend blaue Augen. „Vier Augen sehen mehr als zwei“, waren seine Worte.
Dreißig Minuten zuvor hatte ich noch Blickkontakt mit einem braun gebrannten Adonis. Nun war ich im Begriff, diesen gegen einen Mittvierziger mit hoher Stirn, der mein Vater sein konnte, zu tauschen. Ich lächelte ihn an, nickte zustimmend.
Aus der Konzertmuschel klang, vom Rauschen der Wellen begleitet, leise Musik zu uns herüber. Er zeigte auf die funkelnden Sterne und deutete auf den großen Wagen: „Da oben, über der Deichsel, der kleine funkelnde Stern, das sind Sie!“

Noch nie hatte ein Mensch eine derartige Faszination auf mich ausgeübt. Seine Stimme berührte mich in der Tiefe, wühlte mich auf, weckte Begehrlichkeiten. Ohne an später zu denken, ließ ich mich auf dieses Abenteuer ein.
Gewaltige Kräfte wirkten, wie tosende Wellen der Nordsee, die gegen die Schutz bringenden, mächtigen Steine am Strand schlugen. Salzig, stürmisch, herrlich erfrischend …Sie haben mich fast umgehauen, waren mitreißend, haben mich um den Verstand gebracht. Aber ich stürzte mich einfach hinein, ohne bereuen zu wollen.
Sein Leben fand überwiegend in der Vergangenheit statt, durch Kriegserlebnisse an der Front in Russland geprägt. Für mich war jedes Wort Neuland, und ich sog es ein wie ein durstiges Kind.
Mit ihm konnte ich albern sein und lachen, bis ich kurz vor einem Erstickungsanfall nach Luft rang. Der Altersunterschied stand nur auf einem Dokument.
„Du musst im Heute, Hier und Jetzt leben, sonst verlierst du den Tag“, war meine stete Redewendung. Die Vergangenheit ließ ihn nicht los, die grauenhaften Bilder bestimmten sein Denken.
Seine Kraft war ungebrochen; sein Wille, mit mir zusammen zu sein, brachte ihn in Bedrängnis. Er jonglierte sein geteiltes Leben geschickt durch die vom Sturm gepeitschten Wellen, mit etlichen Höhen und Tiefen.
Sehnsucht bestimmte unser Leben. Wir hatten beide viel dafür getan, denn uns trennten sechshundert Kilometer. Gegen alle Widersprüche hatte ich um meine Liebe gekämpft, andere Menschen vor den Kopf gestoßen. Meine Liebe war nicht einfach, aber ehrlich.

Er kam nie zur Ruhe, wir führten ein Nomadenleben. Dann kam die Krankheit, die alles verändern sollte. Mir wurde die Kehle zugeschnürt, ich schnappte nach Luft, klammerte mich an jeden Strohhalm, weil ich leben wollte, gemeinsam mit ihm, irgendwo und irgendwann.
„Höchstens noch fünf Monate!“, lautete die Diagnose, im Treppenflur des Krankenhauses von einem Halbgott in Weiß respektlos im Vorübergehen dahergesprochen. Meine Beine versagten, eine Zentnerlast legte sich auf mein Herz.
Um ein Haar wäre ich noch vor ihm dem Sensenmann begegnet. Kopflos fuhr ich über eine rote Ampel, der Busfahrer konnte gerade noch rechtzeitig bremsen. Mein Schutzengel war unendlich wachsam.

Tatsächlich waren es nur vier Monate. Nicht ein einziges Wort der Klage kam über seine Lippen, aber auch kein Wort über die Krankheit.
„Ich liebe Dich!“, waren seine letzten Worte, bevor er in Agonie versank. Ich liebte diesen Mann, der gerne noch eine lange Strecke des Weges Hand in Hand mit mir gemeinsam gegangen wäre.
Der Schmerz über den Verlust ließ sich nicht in Worte fassen. Nur das Wissen darum, dass ich ihn einst wiedersehen würde, machte mich ruhig und gelassen, denn ich wusste, dass alles gut war.

Jedes Mal, wenn ich den kleinen Stern über der Deichsel des großen Wagens sehe, denke ich, dass er auf diesem wohnt, denn es ist unser Stern, auf dem wir verabredet sind.
Jedes Jahr, wenn das Weihnachtsfest näher kommt, leuchtet der kleine Stern über der Deichsel des großen Wagens besonders hell und ist mir sehr nahe. Eine ganze Ewigkeit ist inzwischen vergangen, aber dieser Fixstern hält die Erinnerung wach.

So wie ich an das Christkind glaubte, von dem meine Mutter mir sagte, dass es am Heiligen Abend jedes Mal an unserem Küchenfenster vorbeigeflogen war, wenn ich mit meinem BrudMarlis_David_954x1200w-dver auf der Fensterbank hockte und wartete, um es einmal zu sehen.

Der Glaube und die Hoffnung sind in der Lage Berge zu versetzen. Auch wenn die Kinderjahre schon lange, lange vorüber sind.

Marlis David