Rundblick

6. Dezember 2018

Wenn das Internet zur Mobbingfalle wird

Cybermobbing

Die zunehmende Digitalisierung hat immense Vorteile: Vormals komplizierte Prozesse sind mittlerweile bequem per Knopfdruck durchführbar. Doch die vermeintlich gegebene Anonymität begünstigt eine andere Gefahr. Cybermobbing lauert im Schutz des Verborgenen. Die heutige Webkultur ist ein fruchtbarer Nährboden für gefährliche Mobber, die aus dem Hinterhalt agieren. „Darum wissen Betroffene nicht immer, wer hinter den Attacken steckt“, folgert Dr. Alfred Fleissner von KLIMA e. V., einer Anlaufstelle für Mobbing-Opfer. Da die Täter nicht die unmittelbare Reaktion ihres Opfers fürchten, ist die Hemmschwelle für Mobbingübergriffe im Internet entsprechend niedrig. Was zu früherer Zeit mit harmlosen Lästerreien auf dem Schulgelände anfing, ist nichts im Vergleich zu den Schikanen, denen Kinder und Jugendl­iche in der Welt digitaler Medien ausgesetzt sind. „Beim Cybermobbing werden keine Grenzen gezogen, sondern zielgerichtet scharf überschritten“, klärt der Mobbing-Experte auf.
Eine einzelne Attacke genügt den hinterhältigen Mobbern nicht. „ In den meisten Fällen führt Cybermobbing eine bereits in der Realität stattgefundene Angriffsreihe fort. So wird in sozialen Netzwerken oder Videoportalen peinliches Bildmaterial publiziert, verfälscht oder durch Verbreitungen von Unwahrheiten falsche Gerüchte geschürt. Veröffentlichte Beiträge werden wiederholt mit beleidigenden Kommentaren versehen“, beschreibt Fleissner die dunklen Strategien jugendlicher Mobber, die zu allem Übel noch ein großes Publikum an Schaulustigen im Internet vorfinden.
„Es gibt viele Mitläufer, die die Taten als eine Art unterhaltsame Aufführung verfolgen oder gar unterstützen, solange sie nicht selber zur offenen Zielscheibe werden. Andere wollen sofort eingreifen, wissen aber nicht wie“, sagt Fleissner. Obendrein ist das Internet ein gigantischer Informationspool, der so schnell nichts in Vergessenheit geraten lässt.
„Haben die Täter entsprechendes Material ins Netz gestellt, kann dieses weiterverbreitet und somit einer Fülle von Menschen zugänglich gemacht werden. So muss das Opfer selbst nach Konfliktende bloßstellende Fotos befürchten“, warnt Fleissner. Der Beginn einer Mobbingaffäre findet zumeist im privaten Umfeld oder an der Schule statt. „Täter und Opfer sind häufig keine Unbekannten“, betont der Experte. Ein Großteil der Opfer setzt sich aus Kindern und pubertierenden Jugendlichen im Alter von elf bis 16 Jahren zusammen.
„Als besonders gefährdet gelten Kinder, die im Durchschnitt kleiner, übergewichtig, ängstlich und schüchtern sind oder nicht akzeptierte soziale Merkmale haben“, betont Dr. Fleissner. Die Täter haben sich oftmals an die Spitze des Klassenkollektivs hochgearbeitet und nutzen das Mobbing zur Demonstration ihrer Macht. Sie haben eine ausgeprägte Fähigkeit andere zu manipulieren, verfügen über starkes Selbstvertrauen und praktizieren dominantes Verhalten, um ihre Stellung in der Gruppe zu festigen.

Ist ein Kind von Cybermobbing betroffen, können das unterschiedliche Signale andeuten. Es offenbart psychische Reaktionen wie Niedergeschlagenheit, fehlendes Selbstvertrauen, mangelnde Lebensfreude, Minderwertigkeitsgefühle oder Angst. Das Selbstwertgefühl wird massiv geschädigt. Im schlimmsten Fall treten Depressionen auf, die langfristig anhalten können. „Bei solchen Symptomen sollten Eltern genau hinschauen. Von persönlichen Vorwürfen rate ich stets ab. Es geht vielmehr darum, das betroffene Kind zu unterstützen, es präventiv zu schützen, indem es bei den ersten Schritten im Netz begleitet wird. Erziehende sollten ihrem Kind versichern, dass es jederzeit mit allen Problemen zu ihnen kommen kann“, rät der Experte.
Cybermobbing darf nicht totgeschwiegen werden. Grundsätzlich sollte das Selbstvertrauen im realen Leben gestärkt und in der virtuellen Welt von Erziehenden verdeutlicht werden, welche Regeln zu beachten sind und wie maßgebend der gegenseitige Respekt vor dem anderen ist. „Das Internet ist keinesfalls ein rechtsfreier Raum. Dort gelten die gesetzlich garantierten Rechte wie im wirklichen Leben.
Auch sollten Lehrer im Falle eines Mobbingangriffes Eltern informieren und das Thema umfassend im Unterricht thematisieren. Speziell eingerichtete Workshops für Schüler und Lehrpersonal bieten umfangreiche Aufklärung über strafrechtliche Konsequenzen. An jeder Schule sollte Zivilcourage und der Einsatz für Mitschüler im Fokus der Gemeinschaft dauerhaft integriert werden“, fordert Dr. Fleissner.
Im Verein KLIMA e.V. arbeiten Betroffene und Fachleute verschiedenster Ausrichtung zusammen, um gezielte Lösungswege gegen Mobbing zu schaffen.

Gib Cybermobbing keine Chance. Wehr dich!

Anja Junghans-Demtröder