Moderne Medien

15. Oktober 2018

Kein Kommentar

Ansichten eines Nerds

Es kommt mir vor wie in der Hölle und ich hasse das Ganze schon jetzt. Eine gefühlte Ewigkeit watete ich durch Morast und Dreck, liege nun in eben jenem flach auf dem Bauch und harre aus. Die Sonne feuert unbarmherzig auf mich ein. Die Luft ist feucht und heiß, Schweiß brennt in meinen Augen. Die Kleidung klebt an meinem Leib wie Pech. Moskitos attackieren mich in Heerscharen. Ich atme dennoch ruhig und gleichmäßig. Versuche zu fokussieren. Konzentration. Das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Die innere Anspannung, der Drang nach Bewegung, Hunger, Durst – Nebensache. Die Mission ist das Einzige, was zählt. Plötzlich: Sichtkontakt. Ich greife bedacht langsam zu meinem Funkgerät. Ich drücke die Sprechtaste und flüstere:

„November von Sierra… kommen.” Keine Antwort. Ein weiterer Versuch: „November von Sierra, bitte kommen.”

Endlich das ersehnte kurze Knarzen und Rauschen aus dem Lautsprecher, dann:

„…ember, Papi. Was is’?”
„Nicht Papi – Sierra.”
„Was?”
„Sierra!”
„…s heißt Sierra, Pa…”
„Das ist doch mein Code-Name.”
„Was, Pa….”
„Erst die Sprechtaste drücken und dann sprechen. Und erst loslassen, wenn du fertig bist mit Sprechen.”
„… s, Papi?”
„Der Gegner ist in Sichtweite. Sie kommen aus Richtung Schleuse.”
„…kay, Pap…” Kurz darauf ein weiterer Funkspruch:
„…api. Ich habe einen Stock gefunden. Darf ich den mitnehmen?”
„Jetzt nicht. Nur sprechen, wenn unbedingt nötig.”

Erst Stille, dann wieder Knistern, eine Weile hektisches Atmen, und: „Da ist ein Fischreiher, Papi. Wirklich, Papi. Ähm, Jupiter Ende.”
„Ich dachte wir spielen… Wir werden doch angegriffen. Du musst…. Ach, ich komme zu dir, warte. Sierra an November, Ende.”

Bevor wir das nächste mal „Lasertag” gegen die Nachbarn spielen, muss ich meinem Sohn noch etwas zum Thema Funkdisziplin beibringen. Aber verstehen kann ich es. Macht Laune mit den Dingern in die Welt zu funken. Was hätte ich als Kind nicht alles dafür gegeben. Aber mein Taschengeld reichte selbst nach einem Jahr Sparen nicht. Theoretisch natürlich. So diszipliniert war ich nie. Und heute? Heute gibt´s die Teile für´n Zwanni.

Überhaupt ist es keine große Sache mehr ein Sender mit potentiell großer Reichweite zu werden. Mit dem Internet und den passenden Endgeräten stehen heute mehr Menschen als je zuvor die nötigen Produktionsmittel zur Verfügung. Ob Audio, Video oder Text, so zugänglich und einfach wie heute war Publikation noch nie.

Vor 40 Jahren brauchte es für die private Videoproduktion schon einiges an Leidenschaft, Geld und Fingerspitzengefühl. Das Wort „Schnitt” war noch im Wortsinne zu verstehen. Filmschnipsel wurden sortiert und geklebt und nach wochenlanger Frickelei konnte man froh sein, wenn wenigstens Oppa und die Schwiegermutter Bock hatten sich die spektakulären Aufnahmen von des Sprösslings Kindergeburtstag reinzuziehen. Heute nimmt man das Handy aus der Tasche, hält drauf, wischt drei Mal über den Schirm und wenige Minuten später haben das Video schon zehn Personen gesehen. Die kennt man zwar nicht zwingend persönlich, aber egal.

Vor 30 Jahren konnte man unter Bekannten damit angeben, wenn der eigene Leserbrief im „Spiegel“ oder in der „FAZ“ abgedruckt worden war. Ach was, angeben. In den Lebenslauf konnte man sich das schreiben. Die entsprechende Ausgabe wurde gleich doppelt gekauft. Eine fürs Archiv oder den Bilderrahmen und eine für Mutti. Diese Briefe wurden, einige von Ihnen kennen das vielleicht noch, richtig ausformuliert. In ganzen Sätzen und so, Sie verstehen schon. Das konnte mitunter mehrere Tage dauern. Aber man hatte schließlich auch einen Ruf zu verlieren. Zumindest, wenn man die Redaktionsbarriere überwinden konnte. In den heutigen Online-Ausgaben der großen Marken von damals finden sich hingerotzte Kommentare wie: „Mir doch egal”, und keine Sau interessiert´s.

Wie groß war der Jubel, als sich das Internet zunehmend ausbreitete. Die Demokratisierung der Massen-Publizistik. Plötzlich konnte jeder sein eigenes Online-Magazin verlegen, seinen eigenen Fernsehsender, sein eigenes Radio betreiben. Das war eine tolle Zeit. Der Pioniergeist waberte zum Schneiden dick über den Monitoren der technikaffinen Nerds. Es wurde gebastelt, probiert, verworfen und neu gebaut. Es war ein Kräftemessen der Kreativität und der technischen Befähigung. Der Aufbruch in eine neue Ära. Die Sonne stand gülden und dicht über dem Horizont, die Ebene war weit, das Gras war grün und der Himmel hoch. Die Reise in eine bessere Welt begann. Die Pioniere würden der Geschichte ihren Stempel aufdrücken. Von dem, was sie vollbringen würden, würden die Barden noch in 100 Jahren singen: „Für den Ruhm und für die Ehre, zur Zukunft vorwärts, Männer.” Sie kämpften für die Freiheit. Millionen Menschen verlegten Kabel an Land und im Meer. Sie bauten Chips. Aus Chips bauten sie Computer und aus Computern riesige Serverfarmen, betrieben von gewaltigen Kraftwerken. Das Internet wurde größer und mächtiger und grub sich selbst im hintersten Winkel der Welt ins Leben der Menschen. Und am Ende all dieser heldenhaften Taten, der aufopferungsvollen Hingabe, dieses unglaublichen Kraftaktes steht: „Mir doch egal.”

Der gute Berthold Brecht schrieb bereits vor über 90 Jahren – damals ging es lediglich um Radiosender – Folgendes:

„Man hatte plötzlich die Möglichkeit allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen.“

Herr Brecht störte sich schon in einer Zeit daran, in denen Sendebetrieb noch recht aufwändig war. In einer Zeit, in der man sich mit ein paar Mausklicks einen eigenen, virtuellen Radiosender (Podcast) oder Ähnliches zusammenschustern kann, würden dem armen Mann vor Verzweiflung garantiert die Synapsen durchglühen. Es gibt leider zu viele Menschen, die der Auffassung sind, das Internet wurde extra um sie herum gebaut. Zu der Annahme kann man natürlich kommen, wenn man da so gemütlich auf dem Sofa mit dem Laptop auf dem Schoß rumlümmelt, ein Proseccochen in der Hand und durchs Web stöbert. Sie ist aber leider falsch und macht durch übertriebenes Mitteilungsbedürfnis vieles kaputt.

Kleines Beispiel gefällig? Amazon-Kundenfragen. Schon mal gelesen? Jemand stellt eine Frage. Keine Ahnung, so eine wie: „Ist dieses Katzenstreu mit der Klowanne von ‘Catfix’ kompatibel oder braucht man einen Adapter?” Eine der ersten Antworten lautet in der Regel: „Tut mir leid, das weiß ich nicht.” Was soll das?

Wenn Sie in puncto informationfreier Kommunikation den ganz harten Stoff benötigen, dann möchte ich Ihnen Whatsapp-Gruppen wärmstens ans Herz legen. Die vom Elternrat der Schule Ihrer Kinder zum Beispiel. Oder die der „Freunde des Kleingärtnerns e.V.” oder so. Nirgendwo sonst lässt sich so gut egozentrische Mediennutzung beobachten. Vermutlich, weil diese Gruppen eine Extra-Portion Semi-Privatsphäre, ähnlich der eines Stammtisches vermitteln. Das Problem: Wer hat schon Bock 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche an einem Stammtisch zu sitzen und sich das Gelalle seiner Genossen anzuhören. Da ist das Kotzen doch vorprogrammiert.

Apropos Stammtisch. Nichts-Sager sind lästig, keine Frage. Viel schlimmer noch sind aber Meinungs-Druckbetanker. Auch hier ein kleines Beispiel, nicht erfunden: „Weiß jemand, wann die Drogerie XY in der Bahnhofstraße wieder aufmacht?” Erste Antwort: „Nein, aber YZ ist sowieso viel besser.” Da will man doch vor Verzweiflung in die Tischkante beißen. Und diese Variante ist noch harmlos. Viel schlimmer wird es, wenn Politik ins Spiel kommt. Ich erinnere mich an einen Artikel über die internationale Raumstation ISS, dessen Kommentatoren durch krude Gedanken-Verquirlung schafften, in ihren textuellen Ergüssen über die allgemeine Flüchtlingspolitik herzuziehen. Das ist schon ganz großes Kung-Fu.

Ach, ich weiß ja nicht. Das Internet ist so eine tolle Sache, doch es degeneriert zunehmend zu einer Stuss-Schleuder und einem puren Konsum-Medium gelenkt durch einige wenige Konzerne. So war das eigentlich alles nicht gedacht. Da hätte man sich den Aufwand auch sparen und beim Funk bleiben können. Ich sage Ihnen, wenn dieser ganze Wahnsinn so weitergeht kommt es noch so weit, dass irgendwelche dahergelaufenen Hobby-Autoren in professionell gestalteten, kostenlosen Magazinen im aufwändigen Vierfarbdruck veröffentlichen dürfen.

Bevor ich mir das antue, gehe ich lieber mit meinem Sohn Fischreiher beobachten. Das ist mindestens genauso interessant und an der frischen Luft sind wir auch noch. Das Einzige was mich noch beschäftigt, ist, dass diese ollen „Lasertag”-Pistolen so wahnsinnig schnell die Batterien leerlutschen. Da kann sich aber jemand auf eine saftige Amazon-Kundenbewertung gefasst machen. Mit diesen Worten danke ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und schließe mit den Worten von Herrn Brecht:

„Ein Mann, der was zu sagen hat und keine Zuhörer findet, ist schlimm daran. Noch schlimmer sind Zuhörer daran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat.”

Sascha Kluger