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15. Oktober 2018

Wonderful World

Herrliche Einkaufserlebnisse

„Was summst du denn da?“, fragte ich meinen Mann Florian, als er vom Badezimmer in die Küche kam.
„Das ist doch eine ‘Wonderful world‘ heute, oder? Ich habe frei und das Wetter ist genial“, sagte er immer noch leicht summend, „und das Schönste ist, dass wir den Tag zusammen verbringen können.
Beim Frühstück saß er mir strahlend und sowas von gut gelaunt gegenüber, dass er mir fast unheimlich war. Wir hatten den heutigen Tag fast nicht verplant. Ich hatte Florian gestern nur gefragt, ob er heute mit zum Einkaufen käme und er hatte begeistert „ja“ gesagt. Sehr gut, dachte ich, dann kann ich ihn zum Tragen einspannen. Nach dem Frühstück fuhren wir los.
„Warum schleichen die denn alle so? Es ist doch gar kein Glatteis“, meinte Florian.
„Weil da vorne ein Müllwagen fährt“, erklärte ich.
„Ich sehe nichts.“
„Ich auch nicht, aber der fährt jeden Freitag um diese Zeit auf dieser Straßenseite.“
„Ja, das weiß ich doch nicht.“
„Und genau für diese internen und geheimen Infos hast du ja mich.“
Als wir in der Straße kurz vor dem Supermarkt waren, mussten wir links abbiegen.
„Warum biegen die denn nicht ab?“, fragte Florian leicht gereizt.
„Florian, du bist anstrengend. Die fahren nicht, weil da Fußgänger über die Straße gehen. Und wie du siehst, geht dort eine ältere Frau mit ihrem Rollator.“
„Ja, da hast du recht. Aber dahinter geht ein junger Mann, der nur auf sein Smart-Phone starrt und dabei vergisst, die Beine zu bewegen.“
In diesem Punkt musste ich meinem Mann allerdings recht geben. Ich sah oft Smart-Phone-Süchtige, die sogar mitten auf der Straße stehenblieben, um etwas zu lesen oder zu schreiben. Hupen brächte da wahrscheinlich auch nichts, denn die Ohren sind ja meistens auch schon mit Stöpseln belegt.
Endlich erreichten wir den vm Supermarkt. Von einem Parkplatz für unser Auto waren wir aber noch weit entfernt. Vor uns standen drei Fahrzeuge. Auf den ersten Blick konnten wir nicht erkennen, ob die warteten oder quer parkten.
„Das glaube ich nicht, die warten tatsächlich so lange im Auto bis ganz nah vor dem Eingang ein Parkplatz frei wird, anstatt mal zehn Meter zu gehen“, bemerkte mein Mann ungläubig, „dass viele Deutsche Bewegungsmuffel sind, das hat doch gerade eine Studie gezeigt. Aber dass das so extrem ausgeprägt ist, ist doch erschreckend.“
Und tatsächlich, die Autos bewegten sich keinen Meter vorwärts. Ich gab Gas und fuhr an den drei Fahrzeugen vorbei. Natürlich schauten wir in die Fahrzeuge und was wir sahen, überraschte uns. Es waren keine älteren Personen, die vielleicht nicht mehr so weit laufen konnten, nein, es waren drei junge Frauen. Mehr konnten wir so schnell nicht erkennen. Wir suchten uns einen Parkplatz. Möglichst ganz hinten, da war man sicherer vor schlecht einparkenden Personen. Zu dem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, was wir später noch beobachten durften.

Wir gingen über den Parkplatz zum Eingang. Da sahen wir, wie die drei Frauen aus den beschriebenen Autos gerade Parkplätze gefunden hatten. Wie vermutet ganz vorn. Florian holte einen Einkaufswagen und ab ging es in den Laden. Das Kundenradio hatte uns nicht vor dem Stau im Eingangsbereich gewarnt oder hatten wir es nicht gehört? Egal, nur durch Florians ungewohnt schnelles Reagieren blieb das spontane Bremsmanöver des Vordermannes ohne weitere Folgen.
Endlich hatten wir den Stau hinter uns gelassen. Wir waren im Supermarkt. Meinen Einkaufszettel hatte ich in der Hand. Ich hatte mir überlegt, dass ich Florian jetzt am besten frei laufen ließ. Das wäre für meine Nerven besser, als wenn er ständig neben mir stünde.
„Liebling, ich schau hier noch kurz bei dem Gemüse. Geh‘ ruhig schon mal gucken“, sagte ich und hoffte für ein paar Minuten mal in Ruhe beim Gemüse und Obst schauen zu können.
„Du Inga, die haben hier die leckeren Kekse im Angebot. Weiß du, die Tüte, die du letzte Woche so schief aufgerissen hast und die dann alle auf den Teppich gefallen sind“, tönte in mein linkes Ohr die Stimme meines Mannes, als ich mich gerade über die Auberginen beugte, „wollen wir da noch welche von mitnehmen?“
„Was?“, schrie ich so überraschend laut, dass ich mich selbst erschrak, Florian zusammenzuckte und die anderen Kunden uns anschauten.
„Die Kekse, die mit Dinkel und Schokolade, die du so gern magst, die sind im Angebot“, fügte Florian hinzu.

„Ja, dann nimm doch welche mit“, sagte ich, aber diesmal in einem wesentlich leiseren Ton.
Ich hoffte mit dieser Anweisung wieder ein wenig Freiraum zu bekommen. Und ich hatte Glück. Ich schaffte es bis zum Käsetresen ohne Zwischenfälle. Upps, was war das für eine lange Schlange. Ich stellte mich an. Es waren vier Kunden vor mir. Auf dem Tresen stand ein Teller mit Käsewürfeln zum Probieren. Ein älterer Mann kam hustend auf den Käsetresen zu, hielt zwischen den Kunden eins und zwei an, griff zwischen ihnen hindurch, nahm sich ein Stück Käse und ging dann weiter.
„Inga, pass‘ bloß auf, dass der alte Mann dich nicht ansteckt mit seiner Erkältung“, sagte mein Mann, der plötzlich neben mir stand.
„Wo kommst du denn jetzt her?“, fragte ich und merkte, dass sich die Frage nach einem Vorwurf anhörte.
„Ich war gerade in diesem Gang und da habe ich dich gesehen. Sag‘ mal, ist die Schlange hier immer so lang? Schau mal, die da vorne kauft aber viel ein. Ich gehe mich noch ein wenig umschauen.“

Florian entdeckt eine neue Leidenschaft für sich – Einkaufen!

Ich schaute meinem Mann hinterher und sah, wie der ältere Mann wieder auf den Käsetresen zuging. Er hustete und nieste. Ich dachte an Florians Rat und drehte mich zur anderen Seite.
„Was ist das?“, schrie die Kundin vor mir. Ich drehte mich um und sah wieder den älteren Mann, der mit seinem Arm zum Käseteller greifen wollte. Dabei war er scheinbar mit dem Siegelring an seiner Hand in die Hochsteckfrisur der Kundin geraten, die vor mir stand. Der ältere Mann reagierte nicht. Er griff, nachdem er sich aus den Frauenhaaren gelöst hatte, wieder beim Käse zu. Die Frau schüttelte ihren Kopf, richtete ihr Haar und merkte, dass eine Diskussion mit dem älteren Mann keine Aussicht auf Erfolg oder einer Entschuldigung hätte. Die Verkäuferin schüttelte den Kopf. Wir schüttelten unsere Köpfe.
„Vielleicht hat er kein Geld um Käse zu kaufen“, sagte ich und dachte an die älteren Mitbürger, deren Rente nicht mehr reicht, um sich mal das eine oder andere Stück zu leisten oder um einfach nur satt zu werden.
„Liebling, schau mal, das ist der Wein, den wir mal im Urlaub getrunken haben. Wollen wir davon ein paar Flaschen kaufen?“, fragte Florian gerade in dem Moment, in dem ich mich bei der Käseverkäuferin für die nette Beratung bedanken wollte.
„Gleich, Florian“, sagte ich zum ihm, wie zu einem kleinen Kind, „ich schau mir gleich den Wein an.“
„Seien Sie bloß froh, dass Ihr Mann so interessiert ist, meinem reichen Bier und Pizza“, sagte die Verkäufern lächelnd.
„Bin ich auch. Tschüs und einen schönen Tag.“
„Den Käse sollten Sie aber lieber vom Tresen nehmen, der ist bestimmt schon voller Viren“, rief Florian der Bedienung vom Käsestand freundlich zu.
Sie lächelte. Mir war diese Aktion sehr peinlich. Obwohl Florian natürlich recht hatte. Wie oft sah ich Käse- oder Brotwürfel, die ungeschützt in Nasen- und Mundhöhe auf dem Tresen standen. So richtig hygienisch war das wahrscheinlich nicht.
Jetzt schaute ich mir den Wein an, den Florian gefunden hatte Es war tatsächlich der aus dem letzten Urlaub. Mein Mann, der ungefähr dreimal im Jahr mit mir in ein Lebensmittelgeschäft ging, fand diesen Wein. Ich bewunderte ihn dafür. Wir legten ein paar Flaschen in den Einkaufswagen. Florian war sichtlich stolz. Da kam wohl der männliche Jagdtrieb durch.
„Inga, schau mal, die haben die Margarine eingeschlossen“, sagte mein Mann entgeistert. Ich verstand diesen Satz überhaupt nicht.
„Eingeschlossen, wieso ist die Margarine eingeschlossen?“, fragte ich.
„Na, guck‘ doch mal, da sind alles Türen vor den Regalen.“
„Florian, die Türen kann man öffnen. Das dient nur der Kühlung der Produkte“, erklärte ich ihm, „übrigens, die gibt es hier schon ein paar Jahre.“
„Wirklich?“, fragte er unschuldig und sah mich dabei mit seinen großen grünen Augen an.
„Aber Inga, wie soll ich denn die Tür öffnen, wenn da immer Leute vor stehen und ihren Einkaufswagen festhalten. Ich komme da doch praktisch nicht an“, sagte Florian mit seiner kräftigen Stimme. Eine Frau schaute sich verlegen um, fuhr ihren Einkaufswagen zur Seite und lächelte Florian an.
„Das ist ja nett von Ihnen“, sagte mein Mann, „den Einkaufswagen klaut Ihnen bestimmt keiner, die Ware ist ja eh nicht bezahlt, aber nehmen Sie lieber Ihre Handtasche aus dem Kindersitz.“ Die Frau errötete und wusste nicht, was sie sagen sollte. Ich wusste aber genau, was ich jetzt wollte: am liebsten im Erdboden versinken.
Wir hatten alles eingekauft und stellten uns an der Kasse an. Vor uns standen bereits sechs oder sieben Kunden. An der anderen Kasse waren es ähnlich viele Kunden. Ich drehte mich um und sah, dass hinter uns auch schon drei Kunden in der Schlange anstanden.
„Kommen Sie auch bitte an Kasse eins“, sagte eine Angestellte, als sie an diese Kasse ging.
Gerade wollte der Kunde vor uns und wir an die neu eröffnete Kasse wechseln, da sahen wir, wie die mittlerweile vier Kunden hinter uns, an diese Kasse stürmten. Wir und der Kunde vor uns schauten uns an.
„Früher war das nicht so“, sagte der Kunde vor uns, „da ließ man den Kunden, die schon länger warteten, den Vortritt.“
„Tja“, sagte Florian, „früher.“
Wir legten unseren Einkauf auf das sehr lange Laufband.
„Das macht 13,67 Euro“, sagte die Kassiererin zu der Kundin, die jetzt an der Reihe war zu bezahlen. Die Frau fing an in ihrer Tasche zu suchen, wahrscheinlich nach ihrem Portemonnaie. Sie stellte ihre Tasche auf den Packtisch.
„Einen kleinen Moment“, sagte die Kundin, „ich habe es gleich.“
„Wenn das noch länger dauert, dann würde ich mich gern hinsetzen“, sagte der ältere Kunde, er vor uns stand, „wo sind denn hier die Stühle?“
„Ich hab’s gleich“, sagte die Kundin.
„Suchen Sie mal in Ruhe Ihr Geld“, sagte die Kassiererin in ruhigen Worten, „ich lege die drei Teile hier hin und kassiere erstmal weiter.“
Der ältere Kunde vor uns grinste uns an.
„Sie haben genau meinen Humor“, sagte Florian ganz leise zu ihm. Die beiden waren ab sofort Verbündete.
Als wir bezahlt hatten, war die Kundin immer noch am Suchen.
„Du Inga, soll ich uns noch ein Stück Kuchen für heute Nachmittag kaufen?“, fragte Florian, als wir schon auf dem Weg zum Auto waren.
„Das ist eine sehr gute Idee“, antwortete ich. Solche Ideen hatte Florian meistens nur, wenn es ihm richtig gut ging und er keinen Stress hatte.
„Ich geh‘ dann noch schnell zum Bäcker.“
Ich lud in der Zwischenzeit die Einkäufe im Auto. Florian war nicht zu sehen. Ich setzte mich ins Auto und beobachtete die anderen Kunden. Nach ungefähr 15 Minuten kam mein Mann.
„Das dauerte aber lange“, bemerkte ich.
„Du, das war so. Ich musste mich in einer Schlange von mindestens 13 Schülern anstellen. Nachdem fünf Schüler bezahlt hatten, habe ich die gefragt, warum die alle nur Franzbrötchen, überbackene Käsebrötchen und Kuchen kaufen, und ob die das jeden Tag machen.“
„Das hast du nicht wirklich gefragt!“
„Doch, habe ich. Mir ist aufgefallen, dass die im Schnitt 1,50 Euro bezahlen. Das macht pro Woche 7,50 Euro, was wiederum zu 30 Euro im Monat führt. Und ich habe ihnen erklärt, dass Zucker nur einen kurzen Kick gibt und danach der Hunger wiederkommt und das Leistungsvermögen sinkt. Das haben wir bei der letzten Schulung in der Firma gelernt.“
„Und was haben die gesagt?“
„Nichts. Die haben mich so komisch angeguckt.“
„Florian!“
Wir setzten uns ins Auto. Florian wollte zurückfahren. Er wollte gerade den Motor starten, da sahen wir einen weißen SUV auf uns zukommen. In dem Auto saß ein Mann. Er parkte fast neben uns ein. Wir sahen wie er ausstieg und sein Auto betrachtete. Dann stieg er wieder ein, fuhr erst ein Stück zurück, um dann zwischen den Markierungen vorwärts einzuparken. Wir saßen beide mit offenen Mündern im Auto.
„Pass mal auf, Inga, der steigt bestimmt noch einmal aus“, sagte Florian. Und so war es auch. Er stieg aus, schaute wieder sein Auto an. Stieg wieder ein und wiederholte das Fahrmanöver von neuem. Beim dritten Versuch stand er endlich zwischen den zwei Markierungsstreifen. Er stieg aus, ging zum Kofferraum, der sich natürlich per Fernbedienung öffnen ließ, die er in der Hand hielt. Er schaute sie an. Wir schauten ihn an und sahen, dass er auch damit komplett überfordert war.
„Mir wird angst und bange, wenn ich das sehe. Lass uns bloß losfahren.“
Wir fuhren nach Hause. Florian saß wohlig grinsend im Auto.
„Du Inga, mein Chef hat mich doch gefragt, ob ich beim Projekt „Online-Ausbau“ mitmachen will. Ich werde absagen. Das wahre Leben findet hier statt, und das hat mir tierisch Spaß gemacht, dieser Einkauf. Ich weiß gar nicht, was du immer hast, wenn du sagst, dass dich das Einkaufen nervt. Ich nehme mir nächste Woche Freitag wieder frei“, sagte Florian und summte wieder was von „Wonderful world“.

 

Gabriela Lürßen