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15. Oktober 2018

,,Das Dorf, in dem wir lebten…“

Langeweile

Zu unserer Schule führten genau drei Wege. Da gab es einmal den „von oben”. Das Dorf lag nämlich an einem Hang. Und so gab es Kinder, die „oben” wohnten – wie Pablo zum Beispiel. Für die, die unten wohnten, so wie Ingo und ich, gab es den „langen Weg”. Der führte an der Kirche vorbei und dann entlang einer wirklich großen Kuhweide. Danach einmal nach links und dann war man da. Diesen Weg mochten wir nicht so gerne. Zum Glück gab es aber auch noch den „kurzen Weg”. Der ging so: Einmal über den Parkplatz der Kirche, am Kindergarten vorbei und dann über den Friedhof und noch ein paar Meter und schon war man viel schneller da. Den mochte aber Schwester Martina nicht.

Schwester Martina war eine Nonne und arbeitete im Kindergarten. Eine Nonne ist eine Frau, die ganz doll an Gott glaubt und darum nur für die Kirche lebt und arbeitet. Und weil der Kindergarten der Kirche gehörte, hat sie dort auf die Kinder aufgepasst und im Büro irgendwelche Sachen gemacht. Das Dumme war, dass das Fenster von ihrem Büro zum Friedhof zeigte. Und wenn Schwester Martina sah, dass wir mal wieder den Friedhof als Abkürzung benutzten, dann wurde sie mächtig wütend. So wütend, dass sie aus dem Büro raus und uns schreiend hinterher lief. Und leider konnte sie trotz der Röcke, die sie immer trug, und obwohl sie schon ziemlich alt war, sehr schnell laufen. Wenn sie dann einen von uns erwischte, gab es eine mächtige Standpauke und manchmal hat sie uns sogar ins Ohr gekniffen. Das ist wirklich wahr.

Eines Tages entschieden Ingo und ich trotzdem mal wieder den Weg über Friedhof zu nehmen. Wie gesagt, er war so schön kurz und auch viel schöner als der an der müffeligen Kuhweide vorbei. Und ein Friedhof ist ja auch nichts Schlimmes. Der ist wie ein normaler Park. Da stehen viele tolle Sträucher, Bäume und Blumen und zwischendrin, so ist das halt, ein paar Grabsteine. Wenn man sich die genauer anschaut, kann man manchmal sogar ganz interessante Dinge entdecken. Und wenn Schwester Martina gerade beim Morgengebet war oder sich einen Kaffee machte oder Zeitung las, dann konnte einem auch nichts passieren. An jenem Tag hatten wir allerdings Pech. Wir waren gerade durch das Friedhofs-
tor gegangen, da hörten wir auch schon das uns sehr bekannte Gemecker: „Runter da. Na wartet, wenn ich euch in die Finger kriege”, keifte Schwester Martina aus ihrem Büro. Das war für uns das Startsignal zu rennen. Und zwar so schnell es überhaupt ging. Hinter uns hörten wir, wie erst die Tür des Kindergartens und dann das Tor des Friedhofs aufgestoßen wurde.

„Lauf, Ingo, Lauf.”
„Ich glaube, ich habe einen Stein im Schuh.”
„Ein Ort der Rrrrrruheeee ist das”, schrie Schwester Martina aus Leibeskräften und gab nun richtig Gas.

Am See angekommen wurde ich richtig sauer. Denn an unserer Lieblingsstelle, dort wo das Ufer so schön flach war, war alles voller Müll.

„Au backe, das wird knapp”, japste Ingo, der sichtlich Schwierigkeiten hatte seinen Schulrucksack zu tragen.
„Komm, Ingo, komm”, rief ich, während ich ihm schon das Tor am anderen Ende des Friedhofes aufhielt.
„Ich glaub´ ich schaff´s nicht, Kamerad.”

Das Gefühl hatte ich in jenem Moment auch. Zunächst einmal war Ingo kein besonders guter Läufer, denn er war für sein Alter noch ziemlich klein. Außerdem hatte er die komische Angewohnheit, immer ganz viel merkwürdiges Zeug in seinen Schulrucksack zu stopfen. Dieses Mal musste es wohl ganz besonders viel gewesen sein, denn er kam irgendwie gar nicht so richtig vom Fleck.

Ich sah, wie Schwester Martina schon ganz nah hinter Ingo war. Plötzlich machte sie einen Sprung nach vorne und versuchte ihn am Schulranzen zu packen. „Gleich hat sie dich”, rief ich. Das war genau das, was Ingo als Motivation brauchte und er rannte plötzlich, als ginge es um sein Leben. Schwester Martina hatte gar keine Zeit mehr rechtzeitig zu stoppen und so war das Nächste, was wir von ihr hörten: „Himmel und Hölle.” Sie lag nun bäuchlings auf dem staubigen Sandweg und fluchte gehörig vor sich hin.

Erleichtert, schwitzend und schnaubend schlossen wir hinter uns das Tor und gingen die letzten Meter zügig aber erleichtert zum Schulhof.

„Sag mal, was schleppst du da eigentlich wieder alles mit dir rum?”, fragte ich.
„Och, nur eine Kiste mit Nägeln, eine…. ‘ne, Moment, zwei Eisenketten und eine Handvoll von diesen runden Haken, die man so schrauben kann”, erklärte Ingo.
„Ösen.”
„Ja, richtig.”

Ich war nicht sonderlich überrascht und darum fragte ich auch nicht, was er mit dem ganzen Zeugs wollte. So war er eben.

Bei der Schule angekommen, sahen wir eine Gruppe von Kindern, die im Kreis stand. Einige riefen: „Uwe, Uwe”. Einige andere riefen: „Pablo, Pablo”.
„Mann, der Tag fängt aber echt stressig an”, kommentierte Ingo.

Wir liefen zum Ort des Geschehens und mussten dabei zusehen, wie Uwe und Pablo auf dem Boden lagen und rangelten. Obwohl, so ganz richtig ist das nicht. Streng genommen lag nur Uwe auf dem Boden. Auf dem Rücken, um ganz genau zu sein. Pablo hockte auf Uwes Bauch und trommelte ihm mit seinen Fäusten auf die Brust. „Frag mich das nie wieder, nie, wieder”, fauchte Pablo. Uwe versuchte sich so gut es eben ging zu wehren und fuchtelte wild mit seinen Armen herum. Manchmal traf er Pablos Bauch oder den Hals und ab und zu auch schon mal das Gesicht.

„Mann, Pablo, mach’ keinen Mist, ausgerechnet Uwe”, schrie ich. Denn Uwe war eigentlich total okay und hatte außerdem eine Brille. Und mit Kindern, die eine Brille hatten, rangelten wir schon aus Prinzip nicht. Außerdem war Uwe ziemlich krank, weil irgendetwas mit seinem Herzen nicht in Ordnung war und wir darum immer ganz besonders auf ihn aufpassten. Aber hier war alles zu spät. Und noch bevor ich eingreifen konnte, kam schon Frau Schall herbeigeeilt, trieb die Kinder auseinander, griff Pablo am Kragen und zog ihn von Uwe herunter. „Sofort aufhören, sofort. Was zum Donnerwetter soll das? Seid ihr verrückt geworden?”

„Der da hat doch angefangen”, sagte Pablo.
„Gar nicht.”
„Hast du doch, du hast mich nach meiner Mutter gefragt.”
„Aber deswegen prügelt man doch nicht drauf los”, schimpfte Frau Schall.
„Ist halt mein Temperament.”
„Mehr hast du dazu nicht zu sagen?”
„Nö.”
„Mir reicht´s. Uwe, geh dich waschen und dann ab in die Klasse. Pablo, du kommst mit zum Direktor.”
„Oh man, das gibt Ärger, Kamerad”, flüsterte mir Ingo zu.

Frau Schall packte Pablo am Arm und führte ihn vor Wut stampfend in Richtung Schulbüro.

„Jungs”, rief uns Pablo noch im Gehen zu.
„Was?”
„Sitzen meine Haare?”

Den Rest des Schultages hatte er eher schlechte Laune und redete nicht viel. Ingo erzählte mir wie sehr er sich auf den Nachmittag freute. Sein Papa hätte sich nämlich extra für ihn frei genommen, würde ihn von der Schule abholen und mit ihm zu den Fischteichen fahren. Dort war es an sich nicht besonders spannend, aber Ingo hatte angefangen sich in der Nähe unter einem Baum aus alten Holzbrettern und Abdeckplanen eine Ritterburg zu bauen. Und an der wollte er nun endlich weiterbauen. Nach der Schule gab es Mittagessen und als um halb drei alle Erwachsenen Kaffee tranken, rief ich bei Pablo an um ihn zu fragen, ob wir was zusammen unternehmen wollten.

„Wird nix.”
„Wieso das denn nicht?”
„Stubenarrest.”
„Was? Oh man, das tut mir total leid. Wie lange denn? Nur heute?”
„Woche.”
„Aber wir haben heute doch erst Dienstag. Das sind dann ja noch drei Tage.”
„Ja.”
„Dann hat der Direktor echt deinen Papa angerufen? War der denn sehr böse? Erzähl doch mal.”
„Arbeitet.”
„Wie keinen Ärger? Verstehe ich nicht. Wenn bei mir Zuhause der Direktor anrufen würde, dann würden hier aber die Fetzen fliegen, da bin ich mir ganz sicher. Ist aber zum Glück noch nie passiert.”
„Aha.”
„Was soll ich denn jetzt machen? Ingo hat Papa-Tag, du bist eingesperrt. Das Wetter ist doch so toll.”
„Tja.”
„Na gut. Dann sehen wir uns morgen in der Schule. Oder darfst du da auch nicht hin?”
„Schön wär´s.”

Freunde zu haben ist schon eine tolle Sache. Erst recht, wenn man ganz viel zusammen unternimmt. Das Doofe ist nur, dass es sich dann ganz komisch anfühlt, wenn die plötzlich mal nicht da sind. Da stand ich nun, hatte jede Menge Zeit und nicht die geringste Ahnung, was ich tun sollte.

„Mama, mir ist langweilig”, sagte ich.
„Jetzt nicht, ich will noch einen Kaffee trinken”, antwortete sie etwas mürrisch und setzte sich an den Küchentisch.
„Darf ich dann Fernsehen gucken?”
„Nein. Das muss nicht sein. Bei dem Wetter kannst du ruhig draußen spielen. Außerdem gibt es jetzt nichts für Kinder.”
„Darf ich dann wenigstens mein Zelt im Garten aufbauen?”

„Das muss ich erst aus dem Keller holen. Außerdem drückst du damit den Rasen platt.”
„Darf ich dann in den Wald gehen?”
„Von mir aus. Aber sei wieder da, wenn…”
„… wenn es dunkel wird, weiß ich doch. Das sagst du mir jedes Mal.”
„… und mach´ die Tür richtig hinter dir zu.”

Eines kann ich dir sagen: Erwachsene sind manchmal richtig anstrengend. Keine Ahnung warum. Aber ich durfte in den Wald und das war gar nicht mal so schlecht. Denn ich hatte plötzlich einen Plan. Und so ging ich in mein Zimmer und kramte das Holzsegelboot, das mir mein Opa mal geschenkt hatte, aus der Spielzeugkiste, schnappte mir meine Angelschnur, die eigentlich eine Drachenschnur war, knotete ein Ende am Boot fest, stopfte es in meinen Rucksack und schlich leise zur Haustür hinaus. Der Punkt war nämlich der: Wenn ich meiner Mama gesagt hätte, dass ich alleine zum See gehen wollte, um das Boot schwimmen zu lassen, dann hätte sie mir das garantiert nicht erlaubt. Wenn es um Wasser ging, war sie immer sehr empfindlich. Aber da der See ja im Wald lag und ich in den Wald durfte, war mein Vorhaben nur so halb verboten, fand ich.

Unterwegs traf ich Herrn Dieckmann, der in seinem Vorgarten Steine stapelte. Er war der einzige Erwachsene, der nicht so gerne Kaffee trank. Dafür mauerte er für sein Leben gerne. Das Tolle: Er war auch Maurer von Beruf. So konnte er den ganzen Tag das tun, was ihm am meisten Spaß machte, nämlich Mauern. Er trug immer eine weiße Latzhose, ein blaues T-Shirt und eine weiße Stoffmütze. Und er liebte Gummibärchen über alles. Er hatte immer mehrere Tüten dabei und wenn die erste Tüte leer war, dann öffnete er die nächste. Und das sah man auch, denn er war auch ein bisschen dick, was ganz gut zu seinem Namen passte.

„Hallo, na du, wo soll´s denn heute hin gehen?”

„Hallo Herr Dieckmann, ich möchte mein Boot auf dem See im Wald schwimmen lassen.”
„Das ist eine tolle Sache. Jeder Junge sollte einmal ein Boot schwimmen gelassen haben. Das ist fast das Beste, was es gibt. Aber wo sind denn deine Freunde? Du bist doch sonst nicht alleine unterwegs.”

„Pablo hat Hausarrest.”
„Ich rate mal: Sein Temperament?”
„Genau. Und Ingo ist bei seinem Papa.”

„Ach, die sind bestimmt mal wieder Fische fangen gegangen.”
„Genau.”
„Na dann, Kapitän Ahab, Schiff ahoi. Hier, ein paar Gummibären für die große Reise.”

Herr Dieckmann kramte in seinem Rucksack, holte eine große Tüte Gummibärchen heraus und warf sie mir zu.

„Danke. Aber so viele?”
„Man kann nie genug Gummibärchen haben.”

Wenig später, auf dem Platz vor der alten Wassermühle, begegnete ich Anna und Sandra. Anna fand das gar nicht gut und rümpfte die Nase, als sie mich sah. Das war natürlich nicht besonders nett, aber dafür hatte sie an jenem Tag die Haare offen und eine sehr schönes, weißes Kleid an und darum war mir das egal.

„Hey, was macht ihr?”, fragte ich.
„Wir spielen Klickern. Machste mit?”, lud mich Sandra ein. Das fand Anna schon wieder nicht gut, aber das war mir schon wieder egal. So oder so, Klickern ist ein ganz lustiges Spiel. Man spielt es mit Glasmurmeln und mit etwas Geschick kann man sogar welche gewinnen. Dummerweise hatte ich gar keine eigenen dabei und das habe ich dann auch so gesagt: „Ich habe gar keine Murmeln dabei.”

Und noch während ein Hauch von Freude über Annas Gesicht huschte, meinte Sandra: „Dann bekommst du welche von mir”, und reichte mir drei Stück. Die waren zwar nicht besonders schön, aber besser als nichts. Und weil ich das so nett fand, gab ich eine Runde Gummibärchen aus. Von denen aß sogar Anna ein paar Stück. Keine Ahnung warum, aber darauf war ich echt ein wenig stolz. Und so spielten wir eine Weile zu dritt. Und was soll ich dir sagen: Am Ende hatte ich sogar sieben Murmeln. Und als ich die drei geliehenen Murmeln an Sandra zurück gab, hatte ich immerhin noch vier. Das war ziemlich gut, denn vorher hatte ich ja schließlich gar keine. So verabschiedete ich mich von den beiden, schaute noch einmal ganz kurz heimlich Anna an und machte mich wieder auf den Weg.

Der Wald duftete nach Erde, Tannen und Waldmeister. Waldmeister klingt wie ein Mann, der auf irgendwas aufpasst, aber das ist falsch. Waldmeister ist eine Pflanze, die ganz doll nach Sommer riecht und die man sogar essen oder in Sprudel tun kann. So oder so gibt es nicht viele Dinge, die schöner sind, als im Sommer durch einen Wald zu gehen. An jenem Tag aber wurde es noch ein bisschen besser als sonst, denn ich fand ganz aus Zufall und völlig überraschend, direkt auf dem Weg, einfach so, ein Hufeisen. Ein Hufeisen ist sowas wie ein Schuh für Pferde und es gab in der Nähe des Dorfes sehr viele Pferde und die wollten zwischendurch natürlich auch mal spazierengehen. Und wenn man so viele Beine hat, dann kann das halt schon mal passieren, dass man einen Schuh verliert ohne es zu bemerken. Aber allzu häufig passiert das nicht. Darum sagt man auch, dass es Glück bringt ein Hufeisen zu finden. Und darum freute ich mich sehr über diesen Fund.

Am See angekommen wurde ich richtig sauer, denn an unserer Lieblingsstelle, dort, wo das Ufer so schön Flach war, war alles voller Müll. Chipstüten, Pappe und ganz viele Flaschen lagen kreuz und quer in der Gegend herum. Sogar eine Einkaufstüte trieb im Wasser. „Das waren bestimmt die Jugendlichen”, ging es mir durch den Kopf.

Die „Jugendlichen” waren die großen Kinder. Die, die immer mit dem Bus zur Schule fahren mussten und deren Namen wir nie kannten. Wenn wir Jugendliche sahen, dann gingen wir ihnen so gut es eben ging aus dem Weg, denn manchmal waren die etwas komisch. Ab und zu versuchten sie uns sogar zu ärgern. Dem Nikolai hatten sie ganz frech mal zwei Mark geklaut. Einfach so. Dabei wollte er sich damit gerade ein Aufziehauto bei Herrn August kaufen. Die meiste Zeit beachteten sie uns aber gar nicht, so als wären wir gar nicht da. Ich glaube, viele von ihnen fanden das Dorf irgendwann nur noch langweilig. Vielleicht, weil sie schon alles entdeckt und gesehen hatten. Und wenn sie ganz viel Langeweile hatten taten sie immer mal wieder ziemlich komische Dinge. „Das sind die Hormone”, kommentierte meine Mama das dann. Keine Ahnung, was sie damit meinte. Auf die Idee, uns mit Flaschen und Chips an den See zu setzen und den Müll einfach liegen zu lassen, kamen wir Grundschulkinder jedenfalls nie. Und weil ich mich darüber so ärgerte und weil das schließlich unsere Lieblingsstelle war, fischte ich mit einem Ast die Plastiktüte aus dem Wasser und sammelte alles ein, was nicht ans Ufer gehörte. Dummerweise dauerte das so lange, dass ich keine Zeit mehr hatte in Ruhe mein Boot schwimmen zu lassen. Das war aber gar nicht wirklich schlimm, weil, und das glaubst du mir nie, bei der ganzen Aufräumerei fand ich ein echtes Messer. Nichts Besonderes eigentlich, aber es sah aus wie ein richtiges Rittermesser. Es war ganz verrostet und hatte auch keinen Griff mehr dran, aber mir gefiel es trotzdem und deswegen nahm ich es mit.

Wie gesagt, das Aufräumen dauerte eine Weile und weil ich die Tüte mit den ganzen Flaschen und den Rest ja nicht einfach im Wald liegen lassen konnte, ich also plötzlich schwer beladen war, entschied ich mich aufzubrechen, damit ich bloß rechtzeitig wieder zu Hause sein würde. Und im Nachhinein betrachtet war das auch eine ziemlich gute Idee. Die Flaschen waren doch ziemlich schwer und der Henkel der Tüte schnitt regelrecht in meine Hand. Das war etwas unangenehm und darum musste ich immer wieder mal eine kleine Pause machen. Am Ende schaffte ich es aber bis zur Hauptstraße und noch weiter und war fast wieder zu Hause, als mich plötzlich jemand ansprach.

„Meine Güte, was schleppst du denn da alles an?”
„Hä? Wer spricht denn da?”
„Hier hinten. Huhu.”

Erst jetzt fiel mir auf, dass in Herrn Dieckmanns Vorgarten eine Mauer stand, die bei unserer letzten Begegnung noch nicht vorhanden war. Hinter ihr lugte eine weiße Stoffmütze hervor und unter der Mütze linste ein Augenpaar freundlich über die Mauerkante.

„Hallo Herr Diekmann. Ich habe im Wald ganz viele Flaschen und Pappe und andere Sachen gefunden, die dort nicht hingehören.”
„Und dann hast du dir gedacht, du nimmst das alles mit, damit es nicht in der Natur herumliegt?”
„Genau.”
„Donnerwetter, das ist aber sehr anständig, junger Mann. Mensch, Mensch, Klasse.”
„Danke. Und jetzt will ich das alles bei uns in die Tonne werfen.”
„Du weißt aber, dass auf den Flaschen ein Pfand drauf ist?”
„Was ist ein Pfand, Herr Dieckmann?”

Und so kam es, dass ich an jenem späten Nachmittag Folgendes lernte: Für fast alle Glasflaschen muss man im Laden etwas mehr bezahlen als sie eigentlich kosten. Also wenn man zum Beispiel eine Limonade kauft, die eigentlich nur 80 Cent kostet, dann kann es sein, dass man an der Kasse trotzdem einen ganzen Euro bezahlen muss. Das klingt erst ungerecht, aber das Geld bekommt man wieder, wenn man die leere Flasche wieder in den Laden zurückbringt. Das ist so, damit die Flaschen wieder saubergemacht und mit frischer Limonade befüllt werden können. Dann gibt es weniger Müll und darum ist es sogar ganz schön dumm Flaschen einfach so im Wald liegen zu lassen.

Herr Dieckmann erklärte mir, dass ich die Flaschen zwar im Supermarkt von Herrn August abgeben könne, der aber in wenigen Minuten schon schließen würde. Und so bot er mir an, dass er das in den nächsten Tagen für mich tun würde. Er hätte schließlich einen LKW, da käme es auf ein bisschen Ladung mehr oder weniger nicht an. Außerdem bräuchte er sowieso wieder einen Schwung „Männer-Limonade” – was auch immer das sein sollte – und müsse darum eh Einkaufen fahren. Das fand ich so nett, dass ich natürlich einverstanden war. Bei Herrn Dieckmann musste man sich nämlich keine Sorgen machen. Der hätte einen niemals beschummelt und das Geld einfach behalten. Und so kam es, dass ich pünktlich zum Abendbrot wieder zu Hause war. Dass ich das Boot mit hatte, das bemerkte meine Mama gar nicht und darum musste ich auch gar nichts von dem See erzählen, als sie mich fragte, wie es draußen denn war. Ich sagte einfach nur:
„Och, ganz schön langweilig.”

Und damit hatte es sich.

Jetzt willst du bestimmt noch wissen, was dann passierte. Na gut, aber ganz flott: Pablo durfte schon zwei Tage vorher aus dem Arrest und so waren wir viel schneller als gedacht wieder zu dritt. Ingo konnte seine Burg leider nicht weiterbauen, weil er zwar ganz viel Zeugs mitgenommen, aber leider einen Hammer vergessen hatte. So nutzten ihm die ganzen Nägel nichts und darum half er seinem Papa dabei Forellen zu fangen. Davon bekamen wir alle welche ab. Die gab es dann ganz frisch mit ein paar Pellkartoffeln zum Abendbrot. Sehr lecker. Die Murmeln verlor ich zwei Wochen später an Matthias aus der Parallelklasse. Darüber ärgerte ich mich so sehr, dass ich seit dem kein Klickern und auch sonst keine anderen Spiel, bei denen man Sachen verlieren kann, gespielt habe. Herr Dieckmann klingelte eines Tages und gab mir eine ganze Mark, die ich sofort in mein Sparschwein steckte. Das Messer machte mein Papa vorsichtig sauber, befestigte es auf einem Holzbrett, baute einen schönen Rahmen drum herum und hängte es über die Tür meines Kinderzimmers. Irgendwann war das Messer weg. Genau wie mein Papa. Das machte mich mächtig wütend. Aber das ist eine andere Geschichte, die erzähle ich dir viel später einmal. Das Hufeisen muss ich suchen, aber das liegt bei uns noch irgendwo herum. Wenn ich es finde, dann schenke ich es dir.

Sascha Kluger