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15. Oktober 2018

Schutzengel versus Teufelchen

Udos Gedanken

Jeden Morgen das gleiche Ritual: Aufstehen, durchs Bad schleichen, ankleiden. Dann folgt unmittelbar das Wichtigste jedes Morgens: Es wird ein starker Kaffee genossen, und dazu die erste Fluppe geraucht. Genüsslich wird der Tabakrauch eingesogen. Ich spüre bei jedem Zug, wie das Nikotin in meine Adern schießt. Es ist so herrlich zu spüren, wie das Nikotin des Tabaks seinen Kampf mit dem Koffein des Kaffees um die Vorherrschaft im Körper aufnimmt. Aber halt. Ist es nicht so, das die Wirkung des Nikotins und des Koffeins sich gegenseitig aufheben? Also, warum rauche ich dann? Warum trinke ich Kaffee? Beides sind Genussmittel, die erhebliche Nebenwirkungen haben. In Falle des Rauchens kommen noch die äußerst schädlichen „Begleitstoffe“ hinzu. Diese wiederum sind bekanntlich die Ursache für eine der schwersten menschlichen Erkrankungen, den Lungenkrebs, mit einer geringen Überlebenschance. Ja, warum rauche ich dann, wenn ich das alles weiß? Ich bin jetzt fast 60 Jahre alt und blicke nunmehr auf eine 45-jährige Raucherkarriere zurück. Je älter ich werde, desto mehr beschleicht mich täglich mein schlechtes Gewissen. Es ist der immerwährende Kampf zwischen Vernunft und Gleichgültigkeit, zwischen Engelchen und Teufelchen. Während mein Schutzengel mich ständig vor den Gefahren des Rauchens warnt und mich zur Aufgabe ermutigen möchte, kämpft das kleine Teufelchen unermüdlich dagegen an. Leider gewinnt es meistens.

Wenn ich dann mal auf dem Sofa liegend so vor mich hindöse, gibt es die Chance, dass der Schutzengel erscheint. Ich spüre wohlige Wärme, sehe ein helles Leuchten mitten im Raum schweben. Dann fühle ich Geborgenheit. Aber dazu muss ich auch die mir auf der Seele brennende Frage an meinen Schutzengel loswerden dürfen. „Mein Schutzengel, heute und jetzt kommst du zu mir, heute, wo es doch schon 45 Jahre zu spät ist. Weißt du, ich bin christlich erzogen worden und habe mein ganzes Leben an dich geglaubt, dir vertraut. Du hast es zugelassen, dass ich im zarten Alter von 15 Lenzen mit dem Rauchen angefangen habe. Ich war der Meinung, dass dein Schutz mich immun gegen all die Gefahren und Folgen des Rauchens machen würde. Jetzt weiß ich, dass dem nicht so ist. Warum in aller Welt hast du es zugelassen, dass ich mit dem Rauchen angefangen habe? Warum in aller Welt hast du den Belzebub in meinem Hirn nicht vertrieben? Warum nicht?“

Das helle Leuchten im Zimmer wurde schwächer und schwächer und vor mir tat sich ein Tunneleingang auf. Ich brauchte nur noch hineinzuschreiten, um die vielen Bilder zu sehen. Bilder meines eigenen Lebens, die wie ein Film vor mir abliefen, je weiter ich in den Tunnel schritt. Mein Schutzengel begann erst zu singen, bevor er sein Wort direkt an mich richtete: „Als du (er meint mich) auf die Welt gekommen bist, wärst du fast erstickt, weil niemand da war, der dich aus dem Schoß deiner Mutter herausholen konnte. Ich habe dir den entscheidenden Ruck gegeben. Als du (er meinte immer noch mich) in der Badeanstalt ins Schwimmerbecken gefallen bist, obwohl du nicht schwimmen konntest, habe ich die Aufmerksamkeit des Bademeisters auf dich gerichtet damit er dich retten konnte. Als dein Bruder vom Baum fiel und sich den Arm brach, habe ich dir, kleinem Hosenscheißer, den Impuls gegeben sofort zu deiner Mutter zu laufen, um deinen Bruder zu retten. Als du als kleiner Steppke mit dem Fahrrad ohne zu schauen vor das Auto gefahren bist, habe ich dafür gesorgt, dass der Autofahrer eine Notbremsung durchführte und du mit einer Gehirnerschütterung davon gekommen bist. In deiner Jugend war ich häufiger an deiner Seite als dir vielleicht bewusst ist. Entweder war ich nicht erfolgreich und du bist von der Disco betrunken mit dem Auto heimgefahren, oder ich war erfolgreich und du hast das Auto stehen lassen. Ich war an deiner Seite, wenn es dir schlecht ging, zum Beispiel beim Tod deiner geliebten Oma. Als du deine erste Zigarette angezündet hast, weil es achso „cool“ war zu rauchen, war ich da. Ich war an deiner Seite und musste hilflos zusehen, dass deine Entscheidung für die Zigarette keine gute war. Ich habe dich die ganzen Jahre begleitet, wohlweislich dessen, dass das Rauchen Krebs auslösen kann. Aber das weist du ja auch, wenn du die nächste Fluppe anzündest und den Rauch tief in deine schwarze, kaputte Lunge reinsaugst. Ich bin bei dir, kann aber gegen deinen inneren Schweinehund nicht gewinnen. Ich kann dir in diesem Fall niemanden schicken, der dir hilft. Keinen Bademeister, keine Mutter und keinen notbremsenden Autofahrer. Ich kann dir auch keinen Ruck geben, der dich bewegt mit dem Rauchen aufzuhören. Diesen Ruck musst du dir selbst geben. Du musst es zulassen, dass ich gegenüber dem kleine Teufelchen die Oberhand in deinem Kopf bekomme.“

Nach diesem Redeschwall meines Schutzengels sah ich das Licht am Ende des Tunnels. Ich hörte meinen Schutzengel noch singen. Ja, er hatte nie die Macht gegen meinen inneren Teufel zu kämpfen und gar zu gewinnen, aber ICH, ICH habe die Macht! Ich war wie in Trance, einem Traum entflohen?

Am Nachmittag bummele ich auf meinen fast schon rituellen Wegen durch unseren Ort. Natürlich ist da auch der Stopp am Kiosk. Aber heute, heute werfe ich den Gedanken an den Kauf einer Packung Zigaretten weg. Heute habe ich begriffen, was mein Schutzengel mir mitteilen wollte. Ich habe noch die Chance auf ein halbwegs gesundes Leben. Es ist Zeit, die Relais in meinem Hirn umzulegen.

Fremdsteuerung ist out. Hurra, ich lebe noch. Jeder von uns hat einen Schutzengel, und jeder von uns hat seine Chance verdient. Man darf sie nur nicht verspielen.

Udo Cordes (muc)