Kultur & Unterhaltung

9. Oktober 2018

Auslandsjahr Toronto

Bei unserem ersten MLB-Spiel der Toronto Blue Jay: Patrick Andreas, Tim Oehlert, Simon Fiessinger (v.l.n.r.)

Ein Jahr am Lake Ontario

Mit Beginn der Oberstufe stellen sich die Schüler meiner Schule, dem Gymnasium Oberalster (GOA), vermehrt die Frage, was sie eigentlich nach zwölf Jahren Schule vorhaben. Und jetzt, kurz nach dem frisch bestandenen Abitur, regiert die Vielfalt: Viele fangen direkt mit dem Studium an, andere sehen in einer Ausbildung ihre Zukunft und ein paar von uns gehen ins Ausland, um neue Erfahrungen zu sammeln und Kontakte zu knüpfen. So auch ich.

Mein Name ist Patrick, ich bin 18 Jahre alt und ich lebe seit knapp zwei Wochen im kanadischen Toronto. Hier arbeite ich freiwillig an einer Waldorfschule für die Klassen 1 bis 8 der Waldorf Academy mit zwei anderen Jungs in meinem Alter, Tim und Simon. Wir leben in einer Wohnung mit Bad, Küche und Waschraum, und zwar direkt an der Schule. Auch wenn die Wohnung wirklich sehr klein ist, ist das bis jetzt kein Problem für uns, denn die meiste Zeit des Tages verbringen wir sowieso draußen, um die Stadt zu erkunden. Toronto hat viel zu bieten. Die britische Wochenzeitung ,,The Economist” veröffentlicht Jahr für Jahr ein global anerkanntes Ranking der zehn lebenswertesten Städte der Welt und Toronto ist immer mit dabei. Seit vielen Jahren punktet die Stadt am Lake Ontario in Kriterien wie Lebensstandards, Kulturangebot, Umweltsituation und Infrastruktur. Bereits nach zwei Wochen merke ich warum: Unzählige Parkanlagen, viele offene und zuvorkommende Menschen, verschiedene Festivals mitten in der Stadt und ein großes Sport- und Musikangebot zu bezahlbaren Preisen (ein Baseball-Spiel der Toronto Blue Jays in der MBL kostet beispielsweise nur knapp sieben kanadische Dollar) prägen die Stadt. Toronto liegt dieses Jahr auf Platz sieben im Ranking. Hamburg findet sich nur auf Platz 18.

Die Toronto City Hall, seit 1965 Rathaus der Stadt.

Mein Weg nach Toronto begann Mitte August am Hamburger Flughafen. Mit Tim, ebenfalls ein ehemaliger GOA-Schüler und ein guter Freund von mir, verabschiedete ich mich von Freunden und Verwandten. Man kann sich, glaube ich vorstellen, was für eine Stimmung herrschte. Trotz Vorfreude auf die neue Herausforderung an der Waldorf Academy und der vielen bekannten Gesichter lag dennoch eine bestimmte Ungewissheit in der Luft: Werden wir uns zu dritt über elf Monate gut verstehen und in Kanada zurechtfinden? Wie sind die Menschen vor Ort? Werde ich Heimweh haben?

Ultimate-Frisbee-Partie zwischen einer US- und einer Europa-Auswahl der Frauen auf dem Gelände der University of Toronto.

All das sind Fragen, die ich bereits heute positiv beantworten kann: Wir verstehen uns gut. Aufgaben wie Kochen, Abwaschen und Putzen teilen wir uns täglich auf und auch das Schulpersonal bietet uns jederzeit seine Hilfe an. Die Menschen merken natürlich, dass wir Deutsche sind, aber sie integrieren uns in ihren Alltag. Ein Beispiel: Bereits nach einer Woche haben wir eine komplette Eishockey-Mannschaft nach einem ihrer Spiele kennengelernt und mit ihr beim gemütlichen Barbecue zusammengesessen. Auch im nahegelegenen Park treffen wir uns oft mit anderen Jugendlichen zum Sport, sei es Basketball, Fussball oder Football. Auch Heimweh verspüre ich bis jetzt keins; man findet immer jemanden zum Reden oder bummelt durch die Stadt und entdeckt neue Dinge, die so mancher gelesener Reiseführer nie erwähnt hat.

Seit einer Woche (die erste Woche hatten wir frei) helfen wir nun in der Schule. Es ist wohlgemerkt noch eine Woche Ferien; die Kinder sind also noch nicht da, lediglich die Kleinkinder des Waldorf-Kindergartens spielen bereits auf dem Innenhof des Schulgeländes. Dennoch ist bereits viel für uns zu tun. Jeden Tag erfahren wir morgens um neun Uhr im Sekretariat der Schule, welche Aufgaben wir über den Tag verteilt erledigen sollen. Schließlich soll zum Schulbeginn alles perfekt vorbereitet sein.

Der Brunnen direkt vor der City Hall ist oft Veranstaltungsort für kleinere Festivals und ein geeigneter Rastplatz während unserer Sightseeing-Touren.

Dies übernimmt unser GV-Supervisor (GV steht für German Volunteers) Karanvir Singh, mit dem wir bereits außerhalb der Schule viel zu tun haben. Karanvir war es, der mit uns das Bewerbungsgespräch via Skype geführt hat (man, war ich da aufgeregt), der uns vom Flughafen abgeholt hat und uns oft zu sich zum Essen einlädt, sei es Frühstück, Barbeque oder indisches Essen, denn Karanvirs Familie stammt ursprünglich aus Indien.

Die täglichen Aufgaben stammen jedoch nicht von ihm alleine, nein, besonders die Lehrer bitten uns um viele kleine Dinge, wie: ,,Könnt ihr mir helfen, die Wand zu streichen?” oder ,,Der Schrank dort müsste zusammengebaut werden. Könnt ihr das übernehmen?”. Wenn man das so hört, fragt man sich vielleicht, warum sich die Lehrer mit Dingen wie Möbel oder Wandfarben beschäftigen. Ich zumindest habe mir dazu anfangs Gedanken gemacht: An meiner Schule kamen die Lehrer nach den Sommerferien einfach in ihren Klassenraum zurück und alles war wie vorher. Dass sich die Lehrer an der Waldorf-Academy jedoch für die eigenen Räume engagieren, liegt am Prinzip dieser Schule. Hier ist jeder Lehrer für seinen eigenen Raum verantwortlich und versucht diesen jedes Jahr zu verschönern und optisch zu erweitern, damit den Kindern der Spaß am Lernen erhalten bleibt. Meiner Meinung nach eine super Ansichtsweise! Bleibt nur noch abzuwarten, wie es den Kindern gefällt und ob sich der Aufwand gelohnt hat…

Patrick Andreas