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9. Oktober 2018

Anonym

Kurzgeschichte von Marlis David

Die schwarze Limousine mit den fliederfarbenen Gardinen vor den Scheiben hielt vor dem Haus Nummer neun. Zwei Männer in schwarzen Anzügen stiegen aus, gingen um den Wagen herum, öffneten die Heckklappe und zogen einen Zinksarg heraus. Eilig betraten sie das Haus. Im Flur stellten sie den Sarg ab. „Welche Etage hat man dir am Telefon genannt, Herbert?“ Der zog die Schultern hoch: „Ich glaube, die sechste!“ Vorsichtshalber ging er noch einmal zur Tür hinaus, um sich die Namensschilder anzusehen. „Hast Recht, hol mal den Fahrstuhl runter!“ Den Sarg stellten sie hochkant in den kleinen Lift. „Runter geht’s nur zu Fuß, hol schon mal tief Luft, Kalle!“ Die beiden Mitarbeiter des Bestattungsunternehmens „Gebrüder Ehrlicher“ hatten die 60 schon überschritten und mussten mit ihren Kräften haushalten.
Oben angekommen fanden sie gleich die Tür mit einem ovalen, weißen Emailschild, auf dem mit schwarzen Buchstaben MARGARETE von SEELEN stand. Kalle streckte gerade die Hand nach dem Klingelknopf aus, als er hinter sich ein lautes Stöhnen und Keuchen hörte. Es quälte sich jemand die Treppenstufen empor. Eine ältere, etwas rundliche Frau mit verweinten Augen stand hinter ihnen. Um die Taille trug sie einen Ledergürtel, an dem ein Schlüsselbund mit etlichen Schlüsseln hing.
Sie hielt sich angeekelt ein Taschentuch vor Mund und Nase und flüsterte beim Aufschließen der Tür: „Gehen Sie ein Stück geradeaus, die zweite Tür rechts, dort im Wohnzimmer, da liegt sie. Die Herren von der Polizei sind auch schon da.“
Vorsichtig öffneten sie die Tür einen Spalt. Sofort drang ihnen ein starker Verwesungsgeruch in die Nase. Kalle hielt sich leicht würgend, die Hand vor den Mund. Herbert reichte ihm einen Mundschutz, den er zur Sicherheit immer dabei hatte.
Der Leichengeruch war jetzt so ausgeprägt penetrant, dass auch Herbert zu würgen begann. In dem Moment wurde die Wohnzimmertür aufgerissen. „Ah! Da sind Sie ja endlich. Ist kein schöner Anblick, sie liegt mindestens zwei Monate. Bringen Sie die Leiche in die Gerichtsmedizin, es muss die genaue Todesursache geklärt werden. Falls noch Fragen sind, mein Name ist Breidenbach von der Kripo Hamburg.“
Kalle und Herbert beeilten sich, die halbverweste Leiche schnellstens in den Sarg zu legen und den Deckel fest zu verschließen.
Unten angekommen stand ihnen der Schweiß auf der Stirn. Sie waren froh, als der Sarg endlich im Leichenwagen verstaut war. Inzwischen hatten sich neugierige Passanten, eine richtige Menschenansammlung, vor dem Haus Nummer neun gebildet, die unbedingt wissen wollten, wer in dem Sarg lag.
„So einen seltsamen Todesfall hatte ich in meinem ganzen Berufsleben noch nicht“, meinte Kalle nachdenklich, als sie im Auto saßen. „Das waren ja mindestens 80 tote Vögel. 20 lagen ja schon auf der Leiche und haben wahrscheinlich auf der toten Frau rumgepickt … grauenvoll! … Wieso hat sich denn da niemand gekümmert?“ Herbert zog die Schultern hoch: „Weißt doch, wie das heute in so einem Hochhaus zugeht. Keiner kennt den anderen. Jeder kümmert sich nur um sich selbst, niemand hat die alte Frau vermisst.“

Zwei Männer in schwarzen Anzügen erwartete kein schöner Anblick.

Nachdem nicht zu erfahren war, wer dort verstorben war, löste sich die Menschentraube langsam auf. Einige wohnten in dem Hochhaus, kannten sich aber nicht mit Namen. „Ich wohne schon lange im zweiten Stock, und Sie?“ Die junge Frau mit den langen, blonden Haaren musterte die Fragende. „Im Dritten, rechts, aber erst ein halbes Jahr. Wer da wohl gestorben ist?“ Die aus dem zweiten Stock überlegte: „Bei der Alten aus dem sechsten Stock lief der Briefkasten schon lange über … habe mich schon gewundert!“ Eine dritte Frau, bereits etwas älter und mit einem Gehwagen, trat hinzu: „Meinen Sie, es ist die schrullige Adlige, die mit den vielen Vögeln? Die hat ja nur für ihre Vögel gelebt. Sie hat immer mit denen gesprochen, hatte wahrscheinlich selbst einen Vogel. Jeden Tag habe ich einen entsetzlichen Gestank wahrgenommen, wenn ich an ihrer Wohnungstür vorbeikam. Immer habe ich es auf die Vögel geschoben, wollte schon Anzeige erstatten. Der Gestank wurde ja von Tag zu Tag schlimmer!“ Von Neugierde getrieben hastete sie jetzt zum Fahrstuhl und drückte auf die sechste Etage.
Ein junger Mann, so um die 30, betrat den Hausflur. Er ging zu seinem Briefkasten und nahm seine Post heraus. „Was ist denn hier passiert? Gibt’s was Interessantes, darf man fragen, worum es hier geht?“ Die Blonde hielt erschrocken die Hand vor den Mund: „Bei uns im Haus gab es eine Tote! Sie soll in der sechsten Etage gewohnt haben.“ Der junge Mann schüttelte den Kopf. „So, so, na ja, sterben müssen wir alle mal. Aber was ich immer schon mal wissen wollte, wer stellt eigentlich seinen Kinderwagen hier immer in den Flur? Ich komme mit meinem Fahrrad überhaupt nicht durch. Die zwei Frauen sahen sich an. „Na, ich ja wohl nicht, bin aus dem gebärfähigen Alter raus. Da müssen Sie sich schon mit dem Hausmeister in Verbindung setzen“, meinte die aus dem zweiten Stock. Die Blonde schüttelte verständnislos den Kopf, während sie ihn abwertend von oben bis unten betrachtete.
Eine junge Frau mit einem kleinen Mädchen an der Hand betrat den Flur. Sie stutzte, als sie die Versammlung sah. „Ist was passiert?“, fragte sie erschrocken. Der junge Mann musterte sie neugierig, nestelte nervös an seiner Brille. „Wohnen Sie im sechsten Stock?“ Das kleine Mädchen zog die Mutter zum Fahrstuhl. „Nein, ich wohne in der ersten Etage. Was ist denn im sechsten Stock?“ Alle schwiegen betreten, bis die junge Blonde sagte: „Da soll eine Frau mit vielen Vögeln zusammen gelebt haben und nun ist sie tot.“
Die junge Mutter war zutiefst erschrocken. „Hat man sie ermordet?“ Alle zogen die Schultern hoch. „Wer weiß, wer weiß!“, meinte der junge Mann lakonisch. Gehört der Kinderwagen, der hier ständig im Flur steht, zu Ihnen?“ Die junge Frau überhörte die Frage und flüsterte: „Wie entsetzlich, die arme Frau und keiner hat ihr geholfen! Keiner kennt den anderen, ist das nicht ganz entsetzlich?“
Während sie im Flur zusammenstanden, kamen immer wieder Bewohner des Hauses zur Eingangstür herein, nickten kurz, murmelten einen Gruß und verschwanden im Lift. Jetzt kam der Aufzug aus dem sechsten Stock zum Parterre herunter. Herr Breidenbach und sein junger Kollege stiegen aus und kamen direkt auf die kleine Gruppe zu.
„Wohnen Sie alle hier in diesem Haus?“ Alle nickten zustimmend. „Dann kennen Sie ja auch Frau von Seelen aus dem sechsten Stock?“ Keiner sagte ein Wort.
„Die alte Dame hat acht Wochen – mindestens – tot in der Wohnung gelegen. Sie wurde von ihren Vögeln arg zugerichtet, es war ein Bild des Grauens. Hat denn keiner etwas gerochen? Der Verwesungsgeruch war doch schon auf dem Flur zu bemerken.“
Der Kriminalkommissar sah von einem zum anderen. Alle schauten betreten zu Boden. „Der Briefkasten war schon wochenlang bis zum Rand voll, das hätte doch irgendjemanden stutzig machen müssen?“
Die Frau aus dem zweiten Stock strich sich nervös eine rote Haarsträhne aus der Stirn. „Hier kennt keiner den Nachbarn, es besteht kein Kontakt. Ja, es ist traurig, es ist eine herzlose Zeit, in der wir leben. Wurde Frau von Seelen denn ermordet?“ Herr Breidenbach zog die Schultern hoch: „Man weiß es noch nicht, das muss die Gerichtsmedizin klären.“
„Wer hat denn die Leiche gefunden?“, fragte die junge Frau mit dem kleinen Mädchen. Die Kleine fing an zu weinen. „Mama, ich habe Hunger, komm doch endlich!“ Herr Breidenbach strich der Kleinen über die blonden Locken, griff in die Manteltasche seines Trenchcoats, zauberte ein Bonbon hervor und gab es ihr.
„Danke!“ Hastig packte sie es aus und schob es in den Mund.
„Um auf Ihre Frage zurückzukommem, die Frau des Hausmeisters hat bei uns angerufen, aber natürlich viel zu spät. Der volle Briefkasten ist ihr wohl aufgefallen.

„Die vielen Vögel sind natürlich inzwischen auch alle tot. Es ist schon traurig, wenn ein Mensch nur noch Kontakt zu seinen Vögeln hat und keine Menschenseele, die einmal nach ihr fragt.“ Betretenes Schweigen breitete sich in dem Vorraum des Fahrstuhls aus.
Die junge Blonde fand zuerst ihre Sprache wieder. „Sie haben schon Recht, es gibt hier acht Etagen und 32 Wohnungen. Von den Bewohnern kenne ich nur meine Nachbarin, weil ich mir dort hin und wieder etwas ausborge. Sonst kenne ich niemanden mit Namen, hier ist alles anonym.“ Keiner konnte Herrn Breidenbach ansehen, alle sahen auf den Fußboden.
„Ja, sterben müssen wir alle, das ist der Lauf der Welt. Noch einen schönen Abend wünsche ich!“ Mit diesen Worten drehte sich der junge Mann um und drückte auf den Knopf, um den Aufzug zu öffnen. Verlegen nestelte er noch einmal an seiner Brille.
Kommissar Breidenbach murmelte ergänzend: „Aber so menschenunwürdig sollte es nicht sein…“, tippte an die Krempe seines Hutes, gab seinem Kollegen ein kurzes Zeichen zum Aufbruch und verabschiedete sich.

Zwei Wochen später fuhr ein großes Auto mit der Aufschrift „Entrümpelung aller Art, Haushaltsauflösungen“ vor das Haus Nummer neun, um die Wohnung der Frau von Seelen auszuräumen. Die 80 mumifizierten Ziervögel und Wellensittiche wurden in einem blauen Müllsack entsorgt.
Damit war Margarete von Seelen in die ewige Anonymität entschwunden. Nichts war von ihr geblieben, so als hätte sie nie existiert…

Marlis DavidMarlis_David_954x1200w-dv