Schlusslicht

5. Juli 2018

Nägel mit Köpfen – Schrauben mit Akku

Das letzte Wort hat Wulf Rohwedder

Und dann hat man ihn sich doch gegönnt: Nach mehreren Reinfällen mit Billiggeräten aus dem Baumarkt war es an der Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen und den wahren, amtlichen Akkuschrauber zu kaufen, eben den, den man auch auf Baustellen bei den Profis sieht.

Gut, ganz billig war er nicht – aber dafür gab es im Kofferset gleich zwei Riesenklötze als Energiespeicher und ein beeindruckendes Ladegerät mit eigenem Lüfter und kryptischen Leuchtanzeigen. Dazu: genau ein Kreuz- und ein Schlitz-Kombi-Bit.

Also noch die passenden Bohrer und Bits besorgen, am besten das große Set. Kann ja sein, dass man tatsächlich mal auf diese ganz speziellen Schrauben mit den drei Schlitzen stoßen wird und dann ganz dringend den passenden Aufsatz braucht. Vorbereitung ist alles und im Koffer sind noch jede Menge leere Fächer – hat wohl die Marketingabteilung drauf bestanden.

Dann die ersten Versuche, und man weiß, dass der Mann aus der US-Heimwerker-Sitcom einfach recht hat: Mehr Power, das „isses“. Klar, man kann die auch fein abstufen, aber will man das, wenn man schon so ein mächtiges Gerät hat? Da kann es dann allerdings schon einmal passieren, dass die Schraube im Selbstbaumöbel schwedischer Provenienz nicht nur rein, sondern auf der anderen Seite gleich wieder herauskommt – halt ein Kollateralschaden der neuen Kraft, die es erst einmal zu bändigen gilt.

Überhaupt entdeckt man plötzlich ganz viele Gelegenheiten, bei denen das neue Spielzeug, äh, Arbeitsgerät, zum Einsatz kommt: Plötzlich ist die Welt voll Schrauben und Bolzen, die man sich untertan macht. Gut, früher hätte man das alles mit Taschenmesser, Schraubenzieher oder Fingernagel gemacht, wahrscheinlich oft auch schneller.

Aber das ist einfach nichts für jemanden, der die digital gesteuerte Lithium-
Ionen-Macht gekostet hat. Nur schnell den Koffer suchen, Ladestand prüfen, gegebenenfalls den Akku wechseln, den Bithalter installieren, den richtigen Aufsatz suchen, bemerken, dass man doch den falschen genommen hat, noch einmal wechseln, erkennen, dass die falsche Schraubrichtung gewählt hat, Kraft einstellen – und schon ist man fertig. Wenn man alles wieder auseinandergebaut und verstaut hat.

Oder ist das doch alles irgendwie schwachsinnig? Mag sein, dass ich bald wieder die eine oder andere Aufgabe dem guten alten Schraubenzieher anvertrauen werde. Aber auch wenn das sich alles ein bisschen verrückt anhören mag – eines lasse ich mir nicht mehr nachsagen: Dass ich eine Schraube locker habe.

 

Wulf Rohwedder