Moderne Medien

5. Juli 2018

Alles kaputt

Ansichten eines Nerds

Mein Sohn mag nicht mehr. Keine Sorge, nicht im Allgemeinen. Er mag kein Computergedöns mehr. Keine YouTube-Videos, keine Computerspiele, nix. Ob das an meinen grandiosen Erziehungsmethoden (siehe Duvenstedter Kreisel #23), dem tollen Wetter oder an seinem neuen Sammelkarten-Hobby liegt, ist mir egal. Das Ergebnis zählt. Aber vielleicht färbt auch meine eigene Unlust auf ihn ab. Ich mag nämlich auch nicht mehr. Zu viele Überdosen Technik- und Digital-Trash. Und aufs Internet, genauer das Web, habe ich auch keine Lust mehr. Warum?

Alles kaputt. Da wäre zunächst einmal diese unsägliche Werbung. Ätzend. Natürlich sollen und dürfen redaktionell gepflegte Angebote irgendwie Geld verdienen. Und da die Akzeptanz von Abo-Modellen bei den Usern nicht besonders hoch ist, führt nun einmal kein Weg an Werbung vorbei. Vor zehn Jahren gab es Werbebanner. Die ließen sich mit ganz normalen Anzeigen wie jener hier im Duvenstedter Kreisel vergleichen. Die waren nicht immer schön, aber alles war gut. So hätte es bleiben sollen. Doch irgendwelche völlig überdrehten Werbe-Fuzzis waren plötzlich der Meinung, man müsse diese Banner animieren. Schlimm. Auf einmal blitzte und blinkte es an allen Ecken und Enden, dass man ganz meschugge wurde und sich auf die eigentlichen Inhalte nicht mehr konzentrieren konnte. Und war man damals der Meinung, dass damit bereits das Ende der Fahnenstange erreicht sei, wurde man über die folgenden Jahre eines Besseren belehrt. Heute findet man den eigentlichen Inhalt zwischen dem ganzen Werbemist nicht mehr. Und selbst wenn, dann fluppt er plötzlich weg, weil irgendeine weitere Werbung nachgeladen wurde. Oder er wird von einer blödsinnigen Spontan-Einblendung überdeckt, die einen dazu auffordert irgendwas zu „liken“. Nein, mache ich nicht. Dieses infantile Wort kann ich schon nicht leiden. Und dann diese automatisch startenden Werbe-Videos. Erst wundert man sich, woher plötzlich das Geplärre und Gequake kommt und dann scrollt man wie doof hoch und runter, um nach der Quelle zu suchen. Und das nur aus der Hoffnung heraus, dass es irgendwo einen Stopp-Knopf gibt. Den gibt es manchmal, aber der ist natürlich Fake und wenn man drauf klickt, poppt neue Werbung auf.

Als wäre das Web nicht schon lange in der Lage sich von innen selbst zu zerstören, kloppt von außen auch noch die Politik drauf. Es muss schließlich alles reguliert werden. Wo kämen wir denn da hin, wenn plötzlich niemand mehr regulierte. Das geht so nicht. Ich sage nur so viel: „Cookie-Hinweis”. Den hat irgendein Spezialist auf EU-Ebene ausgeknobelt. Und so werden wir nun auf fast jeder Website mit einer weiteren Einblendung beglückt, die uns darauf hinweist, dass die Seite Cookies verwendet, um die „Nutzer-Erfahrung zu verbessern”. Die kann man anklicken, was als Einverständnis gewertet und in einem Cookie gespeichert wird. Absurder geht es kaum noch. Mal ganz abgesehen davon, dass Cookies an sich total praktisch, schon seit Mitte der 1990er Jahre ein wertvolles Feature von Browsern, sind und aus meiner Sicht nur von technikfeindlichen Paranoikern verteufelt werden. Von wegen User-Verfolgung und so. So ein Quatsch. Sie müssen sich mal ein modernes Analyse Tool wie „Google Analytics” oder „Piwik” anschauen. Wenn Sie sehen, was Sie durch den bloßen Besuch einer Webseite an Informationen preisgeben, da sind so ein paar olle Cookies Ihr kleinstes Problem, glauben Sie es mir.

Obwohl, wir sind ja in Deutschland. Bei uns sind diese Analyse-Tools natürlich – dreimal dürfen Sie raten – reguliert. Hierzulande dürfen nur anonymisierte IP-Adressen protokolliert werden. Aber das ist für die Analyse völlig egal. Was Ihnen diese Spezial-Regulierung in einem World Wide Web, mit der Betonung auf „World Wide” nutzt? Nix. Als deutscher Seitenbetreiber müssen Sie sich trotzdem an die Regeln halten. Wenn jemand spitz bekommt, dass Sie das nicht tun, wird es teuer oder Sie landen gleich im Knast. Und da sind wir an einem Punkt, der mich zur Weißglut bringt. Ich will Ihnen mal sagen wie das „früher” war. Obacht, Opa erzählt vom Krieg. Also früher, früher haben wir einfach losgelegt und gemacht. Wenn Sie als Technikfreund oder jungdynamischer Unternehmer eine Idee für eine Webseite oder einen Dienst hatten, haben Sie alles zusammengestöpselt, ins Internet „gestellt” und los ging´s. Aber irgendwann wachte irgendeiner von diesen Regulierern auf. Von da an nahm das Ungemach seinen Lauf. Ich habe die genaue Chronologie der darauf folgenden traurigen Ereignisse nicht mehr im Kopf. Aber ich  kann mich daran erinnern, dass wir einmal an einem Punkt waren, an dem noch nicht mal mehr zweifelsfrei klar war, ob man auf seiner eigenen Webseite Links auf andere Seiten setzen darf. Bekloppter ging es kaum, meint man. Heute sehen Sie sich als Seitenbetreiber mit so vielen Regularien und Verordnungen konfrontiert, dass Sie eigentlich gar keine Seite betreiben sollten. Wenn der Welt dadurch die eine oder andere Brieftauben-Fan-Site erspart bliebe, wäre das nicht weiter dramatisch. Aber wenn Sie als kleiner Unternehmer eine Seite zur Kundenwerbung betreiben wollen oder, komplizierter noch, einen eigenen Web-Shop haben, können Sie schon mal einen Extra-Briefkasten nur für Abmahnschreiben montieren.

Jüngst haben sich irgendwelche Polit-Spaßvögel eine Upload-Filter-Pflicht ausgedacht. Die Idee ist, dass bestimmte Inhalte gar nicht erst ins Internet hochgeladen werden können. Genial. Dass man nicht schon vorher mal darauf gekommen ist. Dann wäre das Internet nicht der Sündenpfuhl, der es heute ist. Aber Moment. Könnte es vielleicht etwas damit zu tun haben, dass so ein Upload-Filter ganz schön schwer zu bauen und zu betreiben ist? Automatische Bild- und Tonerkennung, Tests gegen Vergleichsdaten, Erkennen von Varianten, Herausfiltern von Störfaktoren, das sind alles Sachen, die programmiert Ihnen kein Student mal so eben am Wochenende für ein paar Euro und eine Club Mate-Brause. Vom eigentlichen Betrieb einer solchen Maschinerie mal ganz zu Schweigen. YouTube hat so ein Ding. Das haben die aber nicht aus dem Hut gezaubert, sondern viele Jahre intensiv entwickelt. Und es macht heute trotzdem noch Fehler. Außerdem ist YouTube keine popelige Internet-Klitsche mehr, sondern gehört zu Google. Die können es sich leisten, ein paar Dollar in die Weiterentwicklung und den Betrieb eines Filters zu stecken. Und die haben auch richtig Lust dazu. Will sagen: Kleine, innovative Internet-Startups können sich schlichtweg keine eigenen Upload-Filter leisten. Aber hey, vielleicht können sie die Dienstleistung extern einkaufen. Bei Google zum Beispiel. Das wär‘s doch.

Das führt mich zu einem weiteren wichtigen Punkt. Dieser ganze Regulierungswahn spielt vor allem den heutigen Internet-Riesen in die Hände. Ich glaube zwar ganz fest, dass man bei Facebook mit den Augen rollt, wenn die EU oder sonstwer sich mal wieder eine neue Richtlinie aus den Fingern gesogen hat. Aber so richtig Stress bekommen die trotzdem nicht. Facebook hat genügend Kohle und Manpower, um sich mit jedem noch so großen Blödsinn auseinanderzusetzen. Dann wird´s halt eingebaut und Ruhe is´. Da echauffiert sich die Politik auf der einen Seite über die Monopolstellung von Google und Co., diskutiert die Zerschlagung staatlich finanzierte Konkurrenz-Projekte und ähnlichem Kokolores. Und auf der anderen Seite wird kaputt-reguliert bis die Schwarte kracht. So hat man schon keine Böcke mehr auch nur ein Browser-Fenster zu öffnen. Alles im Eimer.

Mein Sohn und ich spielen neuerdings lieber Quartett und gucken unserem Kürbis beim Wachsen zu. Das hat nicht nur bedeutend mehr reale Substanz, sondern ist auch viel spannender als dieser ganze Technik-Mist. Das Einzige, was mich jetzt noch fuchsig macht, ist, dass ich meinen neuen Smart-Kugelschreiber nicht via Bluetooth mit meinem Handy gekoppelt bekomme. Über WLAN läuft alles. Komisch.

 

Sascha Kluger