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5. Juli 2018

Schwarmintelligenz bei Menschen?

Udos Gedanken

Schwärme haben etwas Faszinierendes, mitunter Geheimnisvolles, Bedrohliches. Die Natur ist voll davon. Ob Mücken, Stare, Fische oder Kaulquappen, ob Ameisen, Bienen, Fledermäuse oder Heuschrecken – hier kann man uneingeschränkt von intelligenten Schwärmen sprechen. Aber gilt das uneingeschränkt auch für uns Menschen?

Bei all dem bekannten menschlichen Verhalten gewinnt man zwangsläufig den Eindruck, dass menschliches Schwarmverhalten dem von Tieren unterlegen ist. Die geheimnisumwitterten Richtungsschwünge eines Starenschwarms, wenn ein Raubvogel in der Nähe ist, oder aber die wunderschönen, harmonischen Bewegungen eines Fischschwarms, wenn sich sein größter Fressfeind nähert, wirken auf uns Menschen schon ästhetisch, fast anmutig künstlerisch. Gleichwohl sind wir geradezu versessen darauf, die Geheimnisse dieser Schwarmintelligenz zu ergründen, es ihr gleichzutun. Wer steuert den Schwarm, wer koordiniert ihn? Schwarmintelligenz gilt als Weisheit der Vielen. Sie tun sich zusammen, um eine für sie eventuell bedrohliche Situation besser beherrschen oder aber ein Problem gleich welcher Art gemeinsam geschickter lösen zu können. Für Schwärme in der Tierwelt gilt das sicher uneingeschränkt. Aber für uns Menschen? Ich glaube eher nicht, respektive nur mit erheblichen Einschränkungen.

Nehmen wir einmal die typisch menschlichen Schwarmbildungen unter die Lupe. Da haben wir die allseits bekannten Demos in der Hamburger Innenstadt, kollektive Jubel- oder auch Frustfeiern beim HSV- oder St. Pauli-Fußballspiel. Wir kennen alle den „Haspa“-Marathon, die „EuroEyes“-Cyclassics, den „Nordkirchen“-MoGo und die „Harley-Days“ in unserer schönen Stadt. Überall kommen viele Menschen zusammen, um einer gemeinsamen Idee zu folgen. Im Gegensatz zum Schwarmverhalten in der Tierwelt bedarf es bei dem angeblich intelligentesten Tier der Schöpfung zur Schwarmbildung oftmals äußerer Hilfestellung. Polizeigitter und Absperrungen, Streckenposten und vorgegebene Routen sind ein klares Indiz dafür, dass menschliche Schwarmbildung mit „System“ gelenkt werden muss. Menschenschwärme wollen gelenkt werden. Warum brauchen Tierschwärme, gleich welcher Spezies, diese Steuerungs- und Lenkungsmechanismen nicht? Warum kommen sie immer ohne Rüpeleien, Schlägereien, Bengalos und Alkohol aus? Bei uns Menschen könnte man die Meinung vertreten, dass uns bereits ein kleiner Ausstoß von Adenalin an die Grenzen unserer Schwarmintelligenz bringt. Ein Beispiel gefällig? Die ach so allgewärtigen „sozialen Medien“!

Die direkten Kommunikationsformen im Internet verändern unsere Sicht auf einzelne Dinge permanent. Das ist sicherlich nichts Neues. Spätestens seit Einführung der kommerziellen „sozialen Netzwerke“ haben sich Schwärme von Nutzern daran gewöhnt, jederzeit und zu allem Stellung zu beziehen und sei es nur durch Emojis, bösartige Hasskommentare oder „Liken“ von Beiträgen. Hiermit wird die Schwarmintelligenz der Menschen auf eine harte Probe gestellt, respektive ad absurdum geführt. Demagogen und Weltverbesserer haben die Kraft der sozialen Medien für sich entdeckt. Es wird gelogen, betrogen und für dumm verkauft (Trump lässt grüßen). In seinen Ursprüngen noch diffus wird der Mob anscheinend immer organisierter, ja schwarmintelligenter. Er nutzt das Medium Internet zur Zusammenrottung und Lenkung von Menschenschwärmen nach seinem Gusto. Ein unschöner Trend, wenn man bedenkt, welche Träume und Sehnsüchte gerade unsere Jugend mit den sozialen Systemen des Internets verbindet.

Also, die Betrachtung des jeweiligen Schwarmverhaltens hilft uns in keinster Weise, eine Abgrenzung zwischen Tier und Mensch – möglichst zu unseren Gunsten – herbeizuführen. Menschen bilden allenfalls Gruppen und Familien, nicht jedoch einen klassischen Schwarm. Vielmehr neigen wir zum Ausschwärmen. Jede Familie erlebt es, wenn die Jugend, aus welchen Grund auch immer, das elterliche Haus verlässt. Die Jugend schwärmt aus in die große, weite Welt. Sie wird flügge wie Stare, aber bilden sie deshalb gleich einen neuen Schwarm? Nein, denn zum Glück ist unsere Jugend intelligent. Sie kann, leider nicht in Gänze, die Werte und Regeln der großen Herde „Staat“ anerkennen und umsetzen. Sie kann, wiederum leider nicht alle, die Ethik des menschlichen Herdenbildes verinnerlichen und als richtig anerkennen. Hat ein Schwarm diese emotionale Intelligenz? Ich denke, der Schwarm hat keine Intelligenz, sondern wird lediglich durch bestimmte Bedingungen gesteuert. Der Abstand zum nächsten Tier, der Abstand zum Fressfeind bestimmt die Schwarmintelligenz. Der Mensch ist kein Schwarmtier und hat deshalb nicht deren Schwarmintelligenz.

Da hilft nur eine menschliche „Übersetzung“ des Schwarms, nämlich wenn wir Menschen ins Schwärmen geraten. Es gibt Menschenschwärme, die ins Schwärmen geraten, wenn sie an die goldenen Zwanziger denken. Es gibt Menschen, die ins Schwärmen geraten, wenn sie über „ihren“ HSV nachdenken (auch wenn das zur Zeit sehr schwierig erscheint). Es gibt Menschen, die für Omas Erbsensuppe schwärmen. Es gibt Menschen, die für ein bestimmtes Auto schwärmen. Es gibt Menschen, die für andere Menschen schwärmen. Es gibt Menschen, die von der vom Sternekoch zubereiteten „Schwarmfisch“-Mahlzeit schwärmen. Aber halt, da ist er ja, der Unterschied. Wir Menschen müssen nicht zwangsläufig Schwärme bilden, um schwärmen zu können. Tatsächlich machen wir uns etwa beim Fischfang die vermeintliche Unterlegenheit der Schwarmintelligenz im Vergleich zur menschlichen Intelligenz zunutze. Unsere individuelle, emotionale Intelligenz ist der kollektiven Schwarmintelligenz als überlegen anzusehen. Oder doch nicht?

 

Udo Cordes (muc)